My Darling Clementine

von John Ford  (1946)

Eigentlich bin ich kein großer Western-Fan. Besonders als junger Mensch sah ich ungern zu, wie in den Western ständig Menschen starben, sterben mussten, auch wenn sie jung waren. Ich sagte mir immer, sie hatten doch noch ein ganzes Leben vor sich, das nun ein für alle Mal ausgelöscht war.

Natürlich eine sehr subjektive Sicht, die sogar noch meine zutiefst persönliche Ablehnung des Prinzips verbirgt, das im Western so oft zum Ausdruck kommt: das Recht des Stärkeren, eine gesellschaftliche Struktur, die auf roher Gewalt beruht. Dass ich mit dieser Haltung den Western John Fords nicht gerecht wurde, wurde mir erst viel später bewusst.

So bemerkte ich erst sehr spät, dass John Fords Western nicht nur einen Handlungsteil enthalten, der eben einen gewaltsam ausgetragenen Konflikt darstellt, sondern oft einen weiteren Teil, der nicht gerade selten melodramatischen Charakter hat. Den Gewalt-Konflikt mit einer Komödienhandlung zu verknüpfen, war John Fords Sache nicht. Das machte dann Howard Hawks.

Es stellt sich nun die Frage nach der Relevanz der melodramatischen Handlung in einigen Filmen John Fords, und ich möchte dafür beispielhaft „My Darling Clementine“ herausgreifen. Einen ersten Hinweis ergibt sich allein schon aus der Tatsache, dass der Film nicht so wie bei einigen anderen Regisseuren, die den gleichen, sehr bekannten Stoff für einen Film wählten, einen Titel wie z. B. „Gun Fight at the OK-Corral“  hat, sondern eben als Titel „My Darling Clementine“. Ähnlich dürfte der Fall gelagert sein für „She wore a Yellow Ribbon“ – auch hier im Titel nichts von dem gewaltsamen Konflikt mit Indianern, sondern ein Titel, der nur auf eine Liebesgeschichte hindeuten kann – und die Vergangenheitsform legt das melodramatische Moment frei.

Die melodramatischen Teile der Filme John Fords, in denen es nicht um einen Gewaltkonflikt geht, sondern um das private Schicksal der Protagonisten, man könnte auch sagen: um Beziehungsprobleme, sind meiner Ansicht nach relevanter für die Filme John Fords als von vielen Interpreten bzw. Interpretinnen gesehen. Meiner Ansicht nach lassen gerade die melodramatischen Teile die Filme John Fords über den Durchschnitt vieler Western hinausragen, die lediglich einen Gewaltkonflikt beinhalten.

Mir erscheint es deswegen als angebracht, die Aufmerksamkeit stärker auf die melodramatischen Handlungsstränge zu lenken, weil die Rezeption des Westerns allgemein, die sich allzuoft auf die Gewaltkonflikte konzentriert, und die deutsche Gewohnheit im Besonderen, die Titel der Filme John Fords nicht zu übersetzen, sondern eher zu verhunzen, eine angemessene Rezeption noch weiter erschwert hat.

Die deutsche Verleihfassung von „My Darling Clementine“ hatte den Titel „Faustrecht der Prärie“,  und nichts kann so grausam die Intention des Filmes umdeuten, ja, ins Gegenteil verkehren, wie dieser Titel. Nichts kann auch das Verständnis des Filmes so behindern und verhindern, wie der deutsche Verleihtitel. Schließlich darf man davon ausgehen, dass John Ford den Titel „My Darling Clementine“ nicht zufällig, sondern mit großer Absicht gewählt hat. Durch die Titelwahl wird das Gewicht des melodramatischen Teils der Handlung gegenüber dem Gewaltkonflikt betont.

„My darling Clementine“ ist ein Lied, das als Filmmusik  während der ersten Sequenz des Filmes zu hören ist, als eine Postkutsche in dem verlassenen Kaff  Tombstone ankommt und der Sheriff (Henry Fonda) einer aussteigenden jungen Dame, der Krankenschwester Clementine Carter, behilflich ist. Sehr schnell bemerkt der Zuschauer, dass der Sheriff von der jungen Frau tief beeindruckt ist. Mit ihrer Figur entwirft der Regisseur das Idealbild der Frau, ganz direkt von ihrer Physis her, schlank und hübsch, aber nicht aufdringlich vom Aussehen her, und darüberhinaus: ihr Beruf als Krankenschwester. Schließlich kann ihr Name als sprechender angesehen werden: clementia (lateinisch): Milde, Sanftmut. Clementine Carter  ist nach Tombstone gekommen, weil hier der Mann sich aufhält, den sie liebt: Doc Holliday, der Tbc-kranke und zum Alkoholiker gewordene Arzt. Ein Mann, der offensichtlich nicht mehr lange zu leben hat.

Das ist im Wesentlichen die Situation, als der schon lange schwelende Konflikt mit der Rancher-Familie Clanton auf eine neuerliche bewaffnete Auseinandersetzung zusteuert. Dieser Konflikt hatte schon ein Todesopfer gefordert; ein Bruder des Sheriffs, James Earp, war ermordet worden.

Die bewaffnete Auseinandersetzung mit dem Clanton-Clan, die bekanntlich historische Grundlagen hat, und auf die sich einige durchschnittliche Western beschränken, wird wie eine Klammer umschlossen von der melodramatischen Handlung um Doc Holliday, den Sheriff und die junge Frau. Denn Doc Holliday weist die Frau, die ihn liebt, und die er früher vermutlich auch geliebt und verlassen hat, zurück. Und da der Film das eigentliche Problem – seine Krankheit zum Tode, die ihn auf die Beziehung zu der jungen Frau nicht nur verzichten lässt, sondern die er sehr entschlossen zurückweist – nicht ausspricht, haben wir hier es mit einem klassischen Melodram zu tun (nach Thomas Elsaesser).

Die melodramatische Handlung umschließt also wie eine Klammer die Gewalthandlung und macht den Film genau genommen zu einem Genre-Mix. Und das macht erstaunlicherweise die Größe dieses Films aus.

Allerdings ist das zugegebenermaßen auns mindestens zwei Gründen eine vereinfachende Interpretation des Filmes:  man kann mehrere Aspekte ausmachen, die im melodramatischen Teil nicht ausgesprochen werden: auch der Sheriff gesteht der jungen Frau seine Liebe nicht, und die beiden Männer sprechen nicht über ihre Beziehungsangelegenheiten.  Ferner sind die beiden Handlungsebenen, wenn man diesen Begriff gebrauchen will, miteinander verschränkt; sie stehen nicht beziehungslos nebeneinander. So stellt sich also die Frage: wie verhalten sich die beiden Teile zueinander, in welcher Weise sind sie zueinander in Beziehung gesetzt?

Die Verschränkung der beiden Teile erfolgt über die beiden Charaktere, die ich mit einem Begriff aus der Dramentheorie „gemischte Charaktere“ nennen möchte: es sind Doc Holliday und seine mexikanische Geliebte Chihuahau (gespielt von Linda Darnell). Sheriff Wyatt Earp findet bei Chihuahua eine Medaille, die seinem von der Clanton-Familie ermordeten Bruder James gehörte. Darauf verdächtigt er Doc Holliday, der Mörder seines Bruders zu sein und will ihn festnehmen. Chihuahua gesteht jedoch, dass sie die Medaille von Billy Clanton erhalten hat. Chihuahua muss dieses Geständnis mit ihrem Leben bezahlen – sie wird von Billy Clanton ermordet, und Doc Holliday stirbt bei der Schießerei. Das ist das Schicksal der beiden „gemischten Charaktere“ in diesem Film John Fords. Muss das so verstanden werden, dass es für jedes Indivduum klar sein muss, dass es Folgen hat, wenn man auf der „falschen“ Seite steht; wenn man im Leben vielleicht den einen oder anderen Fehler „zu viel“ gemacht hat?

Wir konstatieren Folgendes: die Kernhandlung endet mit einer erfolgreichen Bekämpfung jener, die nur das Recht des Stärkeren kennen, was nichts anderes bedeutet als ihren Tod.  Der Sheriff kann ansatzweise einer rechtsstaatlichen Ordnung zum Durchbruch verhelfen (man könnte auch sagen: dem Gewaltmonopol des Staates), das Prinzip des Rechtes des Stärkeren überwinden und damit den Weg zu einer rechtstaatlichen und demokratischen Gesellschaft ebnen. Ein optimistisch stimmendes Ergebnis.

Im melodramatischen Teil, in dem es um die privaten Beziehungne, Wünsche und Sehnsüchte der handelnden Figuren des Films geht, misslingen jedoch fast allen ebendieser Personen vordergründig ihre persönlichen Absichten und Wünsche. Nun stellt sich eine weitergehende Frage: muss der gesellschaftliche bedeutsame Erfolg der Bekämpfung der nackten Gewalt mit Verzicht auf der privaten Ebene erkauft werden? Ist das der weitere Zusammenhang zwischen den beiden Teilen?  Oder gibt es zumindest für die wichtigsten Protagonisten doch den Schimmer einer Hoffnung auf privates Glück?

Es gibt diesen Schimmer: Clementine Carter hat beschlossen, in Tombstone zu bleiben und in ihrem Beruf als Krankenschwester tätig zu werden, und Wyatt Earp bricht zu einer Reise in den Osten auf – zu den Eltern der jungen Frau. Ein fast offenes Ende, allerdings mit der vagen Aussicht auf persönliches Glück der beiden Protagonisten.

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