Der Filmclub 813 muss nicht nur überleben, sondern leben

Der folgende Text ist ein Kommentar, eine Erwiderung auf einen Beitrag von Lars Henrik Gass, der am 22. Oktober 2020 auf filmdienst.de veröffentlicht wurde.  Ursprünglich war beabsichtigt, diesen Text dort als Kommentar einzufügen. Das war nicht möglich, weil der Text offenbar zu lang ist. Deswegen wird der Text hier veröffentlicht.
Ausgehend von den aktuellen Problemen und dem drohenden Aus für den Filmclub 813 in Köln befasst sich Lars Henrik Gass mit der „unerträglichen Stiefkind-Rolle der Filmkultur in Deutschland“.

Auch hier lohnt es sich, zuerst den Titel selbst unter die Lupe zu nehmen: Der Filmclub 813 wird im Titel überhaupt nicht erwähnt. Die Leserin und der Leser sollte sich bei der Lektüre von Gass‘ Beitrag fragen, was im Fokus des Beitrags steht. Und dann die Stiefkind-Metaphorik: bitte, wessen Stiefkind soll die Filmkultur sein?  Und ist diese Metaphorik wirklich sinnvoll?

Offen gesagt, mir ging es mehr um das Schicksal des Filmclubs 813 als darum, eine Antwort auf die Frage zu finden, was sich hinter der Metaphorik verbirgt. Der Text zum Beitrag von Lars Henrik Gass:

Das deutsche Bürgertum hat im Gegensatz zum französischen Film und Kino fast nie geliebt. Während in Frankreich die Zeit des Frühen Kinos als jene angesehen wird, in denen Frankreich die „Königin des Kinos“ war, das Land, in dem die  Brüder Lumière die ersten Filmvorführungen in Paris durchführten und bald dem Land eine kulturelle und wirtschaftliche Führungsposition verschafften, auf die Frankreich auch heute noch stolz ist, lässt sich Vergleichbares von Deutschland nicht behaupten.

Nur eine kurze Zeit lang während der Weimarer Republik, als die Regisseure Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau und Ernst Lubitsch Filme von Weltgeltung schufen, die seither zum Weltkulturerbe gehören, wie z. B. „Metropolis“ von Fritz Lang, gönnte sich das deutsche Bürgertum eine gewisse Neigung zur Filmkultur, denn in dem Glanz, den die Filme der genannten Regisseure verbreiteten, sonnte man sich gerne und wollte nicht schnöde abseits stehen, wenn sich so etwas Glamour und Ruhm auch auf das deutsche Bürgertum lenken ließen.

Dann aber ging zuerst Lubitsch, danach Murnau und schließlich schon nach der sog. „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten auch Fritz Lang, aber durchaus nicht Hals über Kopf und über Nacht, wie Fritz Lang das selbst kolportierte, sondern wohl geplant unter Mitnahme seines Vermögens, was nur unter Verstoß gegen die Devisengesetze der Nationalsozialisten möglich war.

Der deutsche Film verkam zum Propagandaobjekt der Faschisten, und nach dem Ende der Barbarei entstand in den fünfziger Jahren ein Kino, das mit den sog. „Heimatfilmen“ und anderen Abschreibungsprodukten einen ganz wesentlichen Beitrag zur Restauration der Nachkriegszeit leistete.

Der Aufbruch erfolgte in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren mit den Regisseuren Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders und Werner Herzog. Das Niveau der zwanziger Jahre konnte weder der Bürgerschreck RWF noch der amerikaverliebte Wenders und auch nicht Werner Herzog erreichen. Wenn ich heute ausländische Freunde und Bekannte nach ihrer Meinung über das deutsche Kino der Gegenwart frage, werde ich zweifelnd angesehen oder mitleidig angelächelt, und in aller Regel fällt irgendwann ein Begriff wie „Mittelmäßigkeit“.

Das deutsche Bürgertum liebt seine Oper, sein Konzerthaus (man denke daran, was das Hamburger Bürgertum bereit war, für die Elbphilharmonie auszugeben) und sein Kunstmuseum, aber das Kino und den Film? Während die Aufführung von bis weit zurück aus der Barockzeit stammenden Opern etwas ganz Selbstverständliches ist, wird man als Nostalgiker verunglimpft, wenn man sich jener Zeit widmet, in dem die Filme ihre Geschichte durchs Bild erzählen mussten (Kracauer) und deswegen Filme von einzigartiger visueller Kraft entstanden, die heutigen Filmen oft fehlt.

Wir müssen uns meiner Ansicht nach damit abfinden, dass das deutsche Bürgertum Film und Kino nicht liebt (und wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf: die schlimmsten sind die literaturgläubigen Bildungsbürger, die alles, was mit Bildern zu tun hat, dem Generalverdacht aussetzen, dass diesen Machwerken nicht zu trauen sei). Wir müssen dem deutschen Bürgertum  aber mit allem Nachdruck klar machen, dass es sehr wohl Filmkultur gibt, auch wenn es das  nicht wahrhaben will. Und dass diese Film- und Kinokultur als solche einen eigenen Wert hat und angemessen zu fördern ist.

Stellt sich nur die Frage, wie das anzufangen ist. Es ist vor allem eine kulturpolitische Frage. Es ist die Frage, wie eine hinreichende Förderung einer Einrichtung bemessen sein muss, um eine filmkulturelle Arbeit leisten zu können. Das bedeutet schließlich, dass jahraus, jahrein ein Filmprogramm erstellt werden muss, das kulturellen Ansprüchen genügen kann.  Also eine Filmauswahl nach Themen, nach Personen und weiteren Kategorien, das einen ästhetischen Mehrwert schafft, der über die Gesamtheit der einzelnen Filme hinausgeht. In einem Beitrag mit dem Titel „Die Kunst der Programmation“ ist das auf der Website sinn-und-cinema.de ausführlich dargestellt.

Jedenfalls, und Kölner Stadtratsmitglieder bitte jetzt aufpassen: die lächerliche Summe von 15000 Euro jährlich reicht dafür nicht aus. DIESE SUMME MUSS UMGEHEND VERZEHNTFACHT, ALSO AUF 150.000,- EURO ERHÖHT WERDEN. Das, liebe Kölner Stadtratsmitglieder, können Sie leicht durch einen Nachtragshaushalt bewerkstelligen. Die Filmkultur bzw. der Filmclub 813 muss der Stadt Köln genauso viel wert sein wie der Kunstverein.

Der jetzige Zuschuss lässt einige Menschen in prekären Verhältnissen leben, ist zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben. Und so mickrig wie er ist, ist er eine Schande für die Stadt Köln. Sie schaden mit dieser erbärmlichen Summe dem Ansehen der Stadt Köln als größte Stadt und als kulturelle Metropole Nordrhein-Westfalens.

Die vorgeschlagene Summe von 150.000,- Euro wird den Filmclub 813 nicht zu einer Kinemathek machen, wie dies Lars Henrik Gass in seinem Beitrag für alle deutschen Großstädte fordert. Der Aufsatz von Lars Henrik Gass beschreibt zwar zweifelsohne genau und richtig die aktuelle Situation des Filmclubs 813 und die gesamte filmkulturelle Situation in Köln, jedoch haben die Forderungen, die Lars Henrik Gass schließlich aufstellt, bei genauerer Betrachtung mit der Situation des Filmclubs 813 so gut wie nichts zu tun.

Sehen wir uns einmal genauer an, was die Forderung nach Kinematheken bedeutet. Eine Kinemathek ist eine Einrichtung, die Filmkopien nicht nur sammelt, sondern auch pflegt und restauriert. Ferner sammelt eine Kinemathek im Gegensatz zu einem reinen Filmarchiv auch alles was zum „System Kino“ dazugehört, angefangen von Requisiten, Kostümen und sonstigen Objekten der Filmproduktion über die Objekte der Distribution (also Plakate, Fotos, Broschüren usw.) bis zu hin zu den Zeugnissen der Rezeption, zu der z. B. die Filmkritik und auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Film und Kino gehören. Jede gute Kinemathek hat deswegen auch eine öffentliche zugängliche Bibliothek.

Wie viele Einrichtungen, die die beschriebenen Aufgaben erfüllen, braucht Deutschland? Es wäre aktuell schon ein Fortschritt, wenn die vorhandenen Kinematheken, Filmarchive und Filmmuseen in Berlin, Potsdam, Frankfurt und München angemessen ausgestattet wären. Das ist nicht durchgehend der Fall. Wir brauchen nicht mehr Kinematheken, die aufgrund der beschriebenen Aufgaben sehr große Summen benötigen, was wir brauchen, sind nichtgewerbliche Kinos, die schon mit weit geringeren Beträge wie für die Kinematheken notwendig angemessen ausgestattet werden können. Was der Filmclub 813 benötigt, verschlingt in einer Kinemathek die digitale Restaurierung weniger Filme. Jedoch sollten die nichtgewerblichen Kinos durchaus so gut ausgestattet werden, dass sie innovativen Entwicklungen folgen und sie sogar vorantreiben könne. Und schließlich plädiere ich auch dafür, dass sich nichtgewerbliche Kinos nicht Kinematheken nennen, wie das z. T. der Fall ist, wenn sie vielleicht über eine kleine Kopiensammlung verfügen, aber die umfangreichen Aufgaben einer Kinemathek nie erfüllen können.

Wenden wir uns der Frage der Trägerschaft, der Organisationsform zu. Eine kommunale Trägerschaft bringt meiner Ansicht nach keine Vorteile. Lars Henrik Gass spricht der Vereinsstruktur grundsätzlich die Fähigkeit ab, zur „Rettung der kulturellen Praxis“ beitragen zu können. Denkt er wirklich, dass ein Beamten- oder Angestelltenapparat das besser bewältigen könnte? Ich möchte mir den Hinweis erlauben, dass die beliebteste Organisationsform der millionenschweren deutschen Fußballvereine eben diese Form ist. Daneben gibt es im Fußballsport privatwirtschaftliche Strukturen bis hin zur Aktiengesellschaft. Für nichtgewerbliche Kinos kommt meiner Ansicht eher die gemeinnützige GmbH als Organisationsform in Frage, da sie erhebliche steuerliche Vorteile bieten und andererseits gewisse Probleme des Vereins ausklammern kann. Das ist z. B. die Abhängigkeit von unkontrollierbar wechselnden Mitgliedschaften und Mehrheiten in der Mitgliederversammlung.

Die Forderung nach Einrichtungen in kommunaler Trägerschaft übersieht ferner die historischen Erfahrungen aus der Entstehungszeit der kommunalen Kinos. Nicht wenige Kommunen schreckten einfach davor zurück, sich mit einem Kino in kommunaler Trägerschaft eine Verpflichtung aufzuerlegen, die sie nur schwer kontrollieren und ggf. kaum wieder hätten einstellen können, sofern der Wunsch danach entstanden wäre. Eine von der Kommune unabhängige, jedoch geförderte Einrichtung erschien vielen Kommunen als der geeignetere Weg. Das ist bis heute kaum anders. Deswegen erscheint mir die Forderung von Lars Henrik Gass schlicht als illusionär.

Genau genommen nützen die illusionären Forderungen von Lars Henrik Gass den nichtgewerblichen Kinos wenig; ja, es steht zu befürchten, dass seine über das Ziel hinausschießenden Forderungen den Kommunalen Kinos eher schaden könnten, da die Kulturpolitiker angesichts dieser Forderungen sich vollständig dem Wunsch nach angemessenen Zuschusserhöhungen verschließen könnten.

Zurück zum Filmclub 813: für den Filmclub 813 sind die Forderungen von Lars Henrik Gass fern jeder Realität. Ein Filmclub, der 2018 gerade mal 15000 Euro Zuschuss jährlich erhält (die aktuellen Zahlen sollen etwas höher sein), hat ganz andere Probleme. Und so stellt sich der fatale Eindruck her, dass Lars Henrik Gass die aktuelle Problematik um den Filmclub 813 nur benutzt hat, um zum wiederholten Male seine wenig realistischen Vorstellungen vom Kino der Zukunft vortragen zu können.

 Foto oben: Kino in Neu-Titschein auf einer historischen Postkarte (heute:  Nový Jičín in Tschechien; wie das Kino heute aussieht, ist auf der Website kinonovyjicin.cz  zu entdecken).

 

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