Wieder gesehen: „Die Chinesin“ von Jean-Luc Godard

Vorführung in der Kinemathek Karlsruhe im Mai 2018

Paris, 1967: eine großbürgerliche Familie verreist im Sommer wie üblich für mehrere Wochen in die Ferien. In ihrer Wohnung machen ein paar junge Leute eine Art WG auf und beginnen, für die Weltrevolution zu üben. Die einzelnen Personen entsprechen bestimmten ideologischen Haltungen; wir haben da den orthodoxen Marxisten-Leninisten, leicht erkennbar an seiner Schiebermütze im Lenin-Stil. Er verkündet die Weisheiten des marxistischen Materialismus in langen Reden, für die eine seminar-ähnliche Atmosphäre simuliert wird. Seine Opponenten sind die beiden Maoisten der Gruppe, Veronique und Guillaume (Meister); wir sollen wohl an Goethe denken, man könnte es auch so verstehen, dass hier die Revolutionäre gerade ihre Lehrjahre absolvieren. Die beiden Maoisten wollen die Weltrevolution gewaltsam herbeiführen, also durch eine Verschärfung der gesellschaftlichen Situation durch Terrorakte.  Und schließlich gibt es noch einen „südländisch“ aussehenden jungen Mann , der das Bombenwerfen um seiner selbst liebt, und damit die üblichen Vorstellungen des Anarchisten bedient.

In der Wohnung lebt auch das Dienstmädchen (gespielt von der viel zu früh verstorbenen Juliet Berto). Sie stellt in der Gruppe der jungen, alle aus dem Bürgertum stammenden, Intellektuellen, die die Revolution nur spielen, die einzige Vertreterin der unteren Schichten dar – wer noch an die Existenz von Klassen glaubt, würde jetzt sagen: Sie vertritt hier das Proletariat. Ihr gegenüber verhalten sich die Möchtegern-Revolutionäre wie pubertierende Sprößlinge ihrer großbürgerlichen Eltern. Dem Dienstmädchen wird der Po getätschelt, ganz so wie der männliche Dienstherr das Personal behandelt, von dem er denkt, es stünde ihm zur Verfügung. So decouvriert Godard in subversiver Weise die jungen Intellektuellen: sie sind keinen Deut anders oder besser als ihre bürgerlichen Eltern.

Godard erzählt den Film in alles andere als klassischer Weise. Wir haben es mit einer Collage filmischer Techniken zu tun; etliche Passagen sind quasi-dokumentarisch gedreht; der Schauspieler/die Schauspielerin antwortet auf Fragen, die wir sehr schwach angedeutet aus dem Off vernehmen. Dann werden auch Mittel des Theaters verwendet; so wenn der Vietnamkrieg mehr oder weniger allegorisierend mit Spielzeugflugzeugen dargestellt wird. Fotos von verschiedensten Personen werden eingeblendet, genauso wie einzelne Frames aus Comic Strips; von Bertolt Brecht bis zu Superman spannt sich der Bogen.

Das China Mao-tse Tungs, in dem seit 1966 die Kulturrevolution tobte, erscheint als großes Vorbild. Michael Endepols, der eine kluge Einführung hielt, fragte, ob denn die Linke (?) nicht erkannt hätte, was in China tatsächlich vor sich ging. Der Film gibt jedenfalls keine Antwort auf diese Frage. Und aus dem historischen Abstand heraus eine Antwort zu versuchen, würde sehr weit  vom Film Godards wegführen. Ich werde es trotzdem versuchen – aber als Zusatz zu diesem Text.

Eine herkömmliche Handlung hat der Film nicht, Godards Collagentechnik, man könnte auch von Ikonoklasmus sprechen, hält den Zuschauer ständig in Atem, und den phrasendreschenden Möchtegern-Revoluzzern ist sowieso nur schwer zu folgen.

In einer langen Einstellung, einer Zugfahrt, versucht Francis Jeanson, ein französischer Philosoph, der praktisch sich selbst spielt, einer der Protagonistinnen (Veronique, gespielt von Anne Wiazemsky, der damaligen Frau Godards) ihre abenteuerlichen Illusionen zu rauben. Sie ist die Maoistin par excellence, will die Universitäten schließen, die Studierenden zur Kartoffelernte aufs Land schicken und mit einzelnen Terrorakten den Beginn der Revolution gewaltsam herbeizwingen.

So ist es Veronique, die am Ende des Films einen Terrorakt begeht, allerdings unterläuft ihr dabei ein grässlicher Fehler.

Das darf man getrost als Kommentar Godards zum Maoismus und zur Kulturrevolution verstehen.

Godards Film ist, heute gesehen, ein Zeitdokument in zweifacher Hinsicht: er zeigt, was in einigen revolutionären Köpfen vor sich ging und sich ein Jahr später entlud.

Und er ist ein filmhistorisches Dokument, denn heutzutage entstehen Filme dieser Art nicht mehr, die die Mittel verschiedenster Genres wild mischen. Die Verweise auf Brecht lassen mich schließlich an eine Anekdote denken: In einer Provinzstadt wurde ein Stück geprobt, und die Hauptdarstellerin, mit Brecht persönlich bekannt, bestand auf Verfremdung. Es kam zum Streit mit dem Regisseur, und schließlich musste der Meister aus Berlin anreisen. Er sah sich eine Probe an und wurde deutlich. Die Hauptdarstellerin bekam zu hören, dass sie Theater spielen solle und nicht Verfremdung. Das hätte auch jemand Godard sagen sollen.

Geschrieben am 26. Mai 2018 und 2020 leicht überarbeitet; 2021 leicht ergänzt.

Und jetzt ein Abtauchen ins Gedächtnis.

Von der Kulturrevolution drang nach außen, also nach Europa, nur ein stark geschöntes Bild, für das der Propaganda-Apparat der Volksrepublik China in geradezu exemplarischer Weise sorgte. Das geschah noch Jahre später durch  Publikationen wie die „Peking-Rundschau“ oder „China im Bild“. So gewann man den Eindruck, dass vor allem bourgeoise Elemente, die sich in der chinesischen Gesellschaft gehalten hatten, nun endgültig beseitigt würden. Nur, fragt man sich heute, was bedeutete dies „Beseitigen“. Darüber machten wir uns in Deutschland und wohl im ganzen Europa innerhalb der Linken keine Gedanken. Keinerlei Vorstellung machten wir uns davon, was es wirklich bedeutete: z. B. die Schließung der Universitäten für viele Jahre, die Schließung der Filmhochschule in Beijing, die Verhaftung und Internierung von Menschen, die z. B. eine Violine oder ein anderes Musikinstrument besaßen, das den Horden der jungen Parteimitglieder, genannt die „Roten Garden“,  gleich als „westlich“ galt. Das ist ein beliebiges Beispiel und unzählige könnten noch aufgeführt werden: die Vernichtung von buddhistischen und anderen Tempeln bis ins letzte Dorf, die Vernichtung zahlreicher historischer Kulturgüter, usw. usf.   Was mit den Verhafteten geschah, wurde nicht publik gemacht. Es hieß, sie würden zur Umerziehung aufs Land geschickt. Hört sich sehr schön an. Verhaftet wurde, man kann es sich nicht vorstellen, oft ein bestimmter Prozentsatz, sagen wir, der Belegschaft eines Betriebes. Hatte der zuständige Parteifunktionär vielleicht an einem Tag gemeint, es wären 5% der Belegschaft, wurden eben 5% verhaftet. Kam er einen Tage später zu der revolutionären Erkenntnis, es wären doch eher 10%, dann wurden eben nochmals Menschen willkürlich verhaftet, bis die Quote erreicht war. Man verzeihe mir die Ironie. Die Verhafteten wurden in abgelegenen Provinzen, z. B. der Wüste Gobi, interniert, wo in den Lagern ein Großteil verhungerte. Der chinesische Regisseur Wang Bing hat über diese Lager und Orte einige erschütternde Filme gedreht, z. B. „Der Graben“ (2010).

In der chinesischen Gesellschaft hinterließ die Kulturrevolution Spuren, die wir kaum in ihrem vollen Ausmaß verstehen und beurteilen können. Sie hinterließ Spuren in jedem Individuum, das sie erleiden und ertragen musste. Sie war eine Gehirnwäsche nicht nur für jene, die in die Lager kamen. So möchte ich an dieser Stelle eine Anekdote aus meiner persönlichen Erfahrung einfügen. Im Laufe meiner Tätigkeit als Geschäftsführer des Studentischen Kulturzentrums veranstaltete der Verein der Chinesischen Studenten in Karlsruhe im Studentenhaus regelmäßig Chinesische Frühlingsfeste.  Regelmäßig kam der Kulturattaché des Generalkonsulats in Frankfurt, und in aller Regelmäßigkeit war das jedes Jahr ein anderer Diplomat oder auch eine Diplomatin. Kontinuität der Arbeit zählte offenbar nicht für die chinesische Diplomatie. So erschien eines Tages ein älterer Mann als Kulturattaché, der eine Plastiklederjacke und Cordhosen trug. Wenn man zurückrechnete, wurde klar, dass er ein Mitglied der Generation sein musste, die die Kulturrevolution bewusst miterlebt hatte. Er verlas seine Rede, unterbrach sie regelmäßig, schaute ins Publikum und klatschte selbst in die Hände. So wusste dann auch das Publikum, wann es zu klatschen hatte – und klatschte brav. So sieht wohl das Ergebnis aus, wenn Menschen wie in der Kulturrevolution diktatursozialisiert werden. Eine groteskere Selbsterniedrigung habe ich selten erlebt. Und sie betrifft natürlich beide Seiten – den Redner wie sein Publikum.

In Deutschland gab es noch viele Jahre später Bewunderer der Volksrepublik China, die sich z. B. sehr an der „Hundert Blumen Kampagne“ der 50er Jahre oder am „Großen Sprung“ ergötzten, und die den totalitären Charakter dieses kommunistischen Regimes einfach nicht wahr haben wollten. Für mich persönlich haben die Filme der sog.  „Ersten Generation“ eine große Rolle dabei gespielt, den wahren Charakter des kommunistischen Regimes in der Volksrepublik China zu verstehen. Mit der „Ersten Generation“ sind jene Filmregisseure gemeint, die nach der Wiedereröffnung der Filmhochschule in Beijing eine Ausbildung erhielten; es waren z. B. Zhang Yimou, der dann den sehr starken und den Zuschauer oft bis an die Grenze der Erträglichen fordernden Film „Leben!“ drehte und Chen Kaige, der mit dem im Theatermilieu spielenden Film „Lebe wohl, meine Konkubine“  eines der großen Meisterwerke des chinesischen Films schuf.

Der letzte Abschnitt entstand im Oktober 2020.

Foto: Anne Wiazemsky und Jean-Pierre Léaud in „La Chinoise“ von Jean-Luc Godard.

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