Ein Tag im Leben eines Festivalbesuchers

Wie seit vielen Jahren bin ich auch dieses Jahr (2018) nach Pordenone zu den Giornate del Cinema Muto gereist.

Den meisten Leserinnen und Lesern werde ich nicht erklären müssen, dass es sich bei diesem Festival vermutlich um das bedeutendste Stummfilmfestival weltweit handelt. Es findet immer Anfang Oktober in dem nordöstlich von Venedig im Friaul gelegenen Pordenone statt und dauert eine Woche – von Samstag bis Samstag.

Das Festival hat den großen Vorteil, dass es ein überschaubares Programm bietet. Es gibt nur wenige Parallelveranstaltungen, so dass der eifrige, bald gestresste und gelegentlich übermüdete Festivalbesucher nur selten die Qual der Wahl hat und sich zwischen zwei Veranstaltungen entscheiden muss – und wenn, dann ist es immer zwischen einer Filmvorführung und einer Buchvorstellung oder einer Gesprächsrunde. Mehrere Filmvorführungen gleichzeitig gibt es grundsätzlich nicht, so dass praktisch alle Festivalbesucher das gleiche Festival sehen – und nicht jeder sein eigenes, wie das so oft bei vielen Filmfestivals der Fall ist.

So begegnet auch man immer wieder den gleichen Leuten, Freunden und Bekannten, steht zusammen und spricht und quasselt.

Der Festivaltag beginnt mit der ersten Vorführung um 9.00 Uhr. Ich gestehe, dass ich kein Frühaufsteher bin und die 9 Uhr-Vorführung nur besuche, wenn ich denke, dass ich einen Film gar nicht verpassen darf. Das ist aber nur selten der Fall, dieses Jahr überhaupt nicht, ich gehe immer erst zum zweiten Programm, das zwischen 10 und 11 Uhr beginnt.

So komme ich auch erst zwischen halb neun und neun zum Frühstück in meinem Hotel – der  Frühstücksraum ist um diese Zeit mehrheitlich mit Leuten gefüllt, die gerade neben dem Frühstück im Festivalkatalog blättern, ihre Emails lesen oder sich sonst wie auf den Festivaltag vorbereiten. Meistens kenne ich ein paar der Leute im Frühstücksraum,  wenn nicht persönlich, dann vom Sehen. Einige aber sind schon längst im Teatro Verdi, weil sie keinen Film, aber auch keinen einzigen, verpassen wollen.

Über diese Art von Festivalbesucher sagte mir mal ein mir gut bekannter Musiker, das wären die „Sammler“ – sie sammeln Filme, die sie gesehen haben. An jedem Festivaltag, bei jedem Festival kann ein Teil der Sammlung komplettiert werden, dieses Jahr kann man der Sammlung z. B. einen in Europa selten zu sehenden Lubitsch-Filme zufügen; ein absolutes Must be also. Davon später. Die „Sammler“ schauen sich zwar jeden Film an, gehen aber nicht zu dem Gespräch mit Nicola Lubitsch, der Tochter des Regisseurs, im kleineren Ridotto-Saal des Teatro Verdi, weil ja gleichzeitig ein anderer Film läuft. Der darf nicht verpasst werden, auf gar keinen Fall.

Nach dem Frühstück noch schnell mein blutdrucksenkendes Mittelchen genommen, ein kleine Flasche mit Wasser und einen Pullover in die Festivaltasche gepackt, den Festivalausweis nicht vergessen, und dann ab ins Kino bzw. in Teatro Verdi.

Der Saal ist schon ziemlich voll als ich ankomme, und es läuft jetzt um 10.00 Uhr morgens nach einem Kurzfilm „The Parson‘s Widow“ von Carl Theodor Dreyer in einem Programmblock, der sich „The Swedish Challenge 2“ nennt. Gibt es einen schlechten Film von Dreyer? Nein, auch dieser Film überzeugt in jeder Hinsicht, aber es dauert etwas, bis ich mit der Geschichte zurechtkomme. Also, ein junger Mann hat die Witwe des Pfarrers heiraten müssen, um die Stelle des Verstorbenen zu bekommen. Das junge Mädchen, in das er verliebt ist, schmuggelt er als seine vorgebliche Schwester in den Pfarrershaushalt. Die schon betagte Witwe hat bereits drei Ehemänner ins Grab gebracht und steht eigentlich nur den beiden jungen Leuten im Wege. Tatsächlich verhindert sie erfolgreich, dass die beiden sich je allein treffen können. So beschließt der junge Mann eines Tages einen regelrechten Anschlag auf sie – aber nicht die Witwe wird das Opfer sondern die junge Frau, die vom Dachboden der Scheune stürzt, weil der junge Mann die Leiter entfernt hat. Der Film hat eine dramatische  Wende genommen. … Dreyer löst den Konflikt in zutiefst humanistischer Weise und drückt dem Film damit allerdings eine überdeutliche Botschaft auf.

Nach dem Film treffe ich beim Verlassen des Teatro Verdi einen Bekannten und wir gehen kurzerhand gemeinsam essen. Es muss alles rasch gehen, denn um 14.30 Uhr folgt das nächste Programm. The Song of Life. oh je …..  Botschaft mit dem Holzhammer.

Nun sind wir in den Niederungen des amerikanischen B-Pictures angekommen.

Mit meinem guten Bekannten L. G. führe ich ein Gespräch über die Frage, was man amerikanischen B-Filmen abgewinnen kann. Er meinte, man könnte ihnen etwas abgewinne, wenn ich mich recht erinnere, gilt das für den Fall, dass sie zumindest handwerklich in Ordnung sind; ich war trotzdem etwas skeptisch. (ich langweile mich nämlich auch bei einem handwerklich sauberen Film, wenn er mich von Handlung und schauspielerischer Leistung her nicht überzeugt und fesselt).

Dann ein erste Höhepunkt des Tages: „Liebe“ von Paul Czinner mit Elisabeth Bergner –
oder: „Madame Langeais“,  der Professor, die schöne Frau Bergner und die fauchende G.

Oft verlässt man nach einer Filmvorführung kurz das Teatro Verdi, um ein wenig frische Luft zu schnappen, festzustellen, ob das Wetter noch das gleiche ist, um dann rasch wieder zurück zu gehen, weil gleich der nächste Film anfängt.

So auch nach „Liebe“, der Balzac-Verfilmung. Ich begegne J. S., einem der angesehensten deutschen Filmwissenschaftler, mit dem ich mich gut verstehe. Wir lächeln beide, wir wissen, dass wir einen schönen Film gesehen haben, und ich wir tauschen uns kurz aus über das hohe darstellerische Können Elisabeth Bergners, ihrer nuancierten, sehr differenzierten Darstellung der sich oft und überraschend  wandelnden Emotionen der Madame Langeais die die Bergner in diesem Film verkörpert.  J. S. ergänzt, dass sie auch eine schöne Frau sei, und ich stimme dem gerne zu. J. S. trifft auf einen weiteren Bekannten, und mir läuft dann plötzlich eine gute Bekannte über den Weg, G. Ich will zu einer kleinen Lobeshymne ansetzen, als meine Bekannte richtiggehend losfaucht, was denn das für ein Schrott gewesen wäre, der mieseste Film, der ihr seit langem untergekommen sei. Ich wage vorsichtig einen Einwand, die Bergner spiele doch hervorragend, da bekomme ich entgegengeschleudert, dass sie, also meine Bekannte, die Bergner noch nie ausstehen konnte. Ich strecke die Waffen und sage lieber gar nichts.

Endlich im Hotel bin ich immer noch so aufgekratzt, dass ich anfange in dem Buch zu lesen, das ich für solche Momente mitgebracht habe: Veit Harlans sog. „Selbstbiographie“ – der Begriff Autobiographie war ihm wohl nicht deutsch genug. Ich lese ein Viertelstündchen und lege mich dann hin.

Kaum liege ich im Bett und versuche einzuschlafen, fängt mein Smartphone an zu fiepen, es gibt noch ein paar nachtaktive und sehr mitteilungsbedürftige Facebook-Freunde, die schreiben  müssen, was sie heute alles gesehen haben, dabei wissen wir – also alle Freunde – was wir gesehen haben; wir müssen aber noch die verschiedensten Kommentare zur Kenntnis nehmen, wir müssen auch erfahren, wo unsere Freunde heute gegessen haben, und mit wem. In Pordenone ist die Anzahl der Restaurants, die von den Festivalbesuchern frequentiert werden, begrenzt, und die Chance sich zu begegnen, relativ hoch, so dass man nicht selten erfährt, was man sowieso schon weiß. Gelegentlich gibt es sogar Fotos von italienischen Nudeln – really very tasty and  very interesting – mein Gott, wie sind wir toll.

Endlich gibt das Ding Ruhe und nachdem ich mich einige Male von der einen auf die andere Seite gedreht habe, entschlummere ich …

So verpasse ich glücklicherweise, was ich erst im Laufe des oder der nächsten Tages lese, denn vor dem Frühstück lese ich nicht, was da sich an Nachrichten angesammelt hat; höchstens ich warte auf einen wichtigen Termin. Da hat also jemand geschrieben:

„I probably should have mentioned this before, but the 37th Giornate del Cinema Muto is officially the best yet ever, no returns. Why? Because Pola Negri is this year’s poster girl.  Artistic Director Jay Weissberg knows the truth – she’s the greatest. So tonight, we were all (the wise among us) enthralled and delighted to see La Negri on the big screen, in a freshly restored print of Ernst Lubitsch’s Forbidden Paradise. In this 1924 Paramount film, Negri plays Catherine the Great and everyone else acts awestruck. Rightly so.“ (Die genaue Quelle ist mir bekannt; ich möchte sie aber nicht nennen.)

Ist das an Selbstgefälligkeit, ja an Überheblichkeit zu übertreffen? Nein, ich verkneife mir, darüber nachzudenken, wie hoch der Prozentsatz an Leuten ist in dieser Familie der Stummfilmverrückten, die gleich oder ähnlich denken. Und nein, ein Film mit Pola Negri: genauer gesagt: die Abbildung von Pola Negri auf dem Festivalplakat –  macht das Festival nicht zum Besten aller Zeiten. Dafür gelten andere Kategorien. Dafür gelten Kategorien der Programmation; siehe hierin diesem Blog den Beitrag „Die Kunst der Programmation“. Und wer auch immer das geschrieben hat, von der Programmation eines Festivals versteht die Person nichts.

Ich habe „Fordbidden Paradise“ zwar gesehen, aber ich halte den Film nicht für eines der Meisterwerke Lubitschs. Der Stoff … Katharina die Große …. Lubitsch ist nicht der erste, und er war auch nicht der letzte, der diesen Stoff bearbeitete … Klischee … ist wohl das richtige Stichwort, das einem doch mal einfällt, obwohl Lubitschs Regieeinfälle großartig sind und Adolphe Menjou neben Pola Negri durchaus nicht ehrfürchtig auftritt. Er hat einen immens wichtigen Posten: er ist der Kammerherr der Zarin, mit all ihren intimen Geheimnissen vertraut, und er entscheidet manchmal darüber, wer im Bett der nymphomanen Zarin landet; also jedenfalls ist sie das in diesem Film, der in einem fiktiven Russland spielt, aber Lubitsch hat sich schon bei „Madame Dubarry“ wenig um die tatsächlichen Verhältnisse gekümmert. Und das entscheidet letztlich auch nicht über die Qualität des Filmes.

Huch, die tatsächlichen Verhältnisse in Russland? In der Gegenwart des Films etwa, also 1924? Ach so, Oktoberrevolution, ach so, Zarenfamilie ermordet; Massenhinrichtungen, Hungerrevolten… Beim Betrachten eines eleganten Kostümfilms à la Lubitsch kann man das als Zuschauer oder Zuschauerin schnell vergessen.

Foto: Elisabeth Bergner in „Liebe“ von Paul Czinner; Titelbild Filmkurier (Ausschnitt)

5 Minutes to the Screening of „Erotikon“, Giornate del Cinema Muto, Pordenone (2016)

Zum Anschauen des Videos bitte HIER klicken

1 Comment

  1. […] simultaneous screenings, thus avoiding the risk of spectators each having their own festival (see “Ein Tag im Leben eines Festivalbesuchers” by Felix-Schaulust here in Sinn und […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.