Ein unvergessliches Erlebnis

 

… war für mich in jeder erdenklichen Beziehung die Veranstaltung zum vierzigjährigen Jubiläum der Karlsruher Kinemathek, die sich, wie ich an anderem Ort* ausgeführt habe, besser „Kommunales Kino“ nennen sollte.

Die Veranstaltung fand im September 2014 statt, und ich habe lange Zeit nicht mehr an sie gedacht; oder besser: ich hatte das Erlebte wohl etwas verdrängt, auch weil ich in den letzten zwei Jahren vor meiner Pensionierung im Studentischen Kulturzentrum doch sehr viele Aufgaben erledigen musste.

Allmählich sollte ich dem Leser und der Leserin verraten, was diese Veranstaltung so einzigartig machte, denn sonst stellen Leser und Leserin womöglich die Lektüre noch ein. Da sei Gott vor –also der Gott der Cineasten und Cinephilen!.

Bei der Veranstaltung standen zwei Filme auf dem Programm: „Entr’acte“ von René Clair und „Le sang d’un poète“ (Das Blut eines Poeten) von Jean Cocteau. Der erste ein Stummfilm, der zweite ein früher Tonfilm. Warum diese beiden Filme gezeigt wurden, erklärten Alfred Meyer oder auch Inka Gürtler bald dem verehrten Publikum, unter dem sich zahlreiche der „Üblichen Verdächtigen“ befanden, also Personen, die sich zeigen mussten oder auch gerne zeigen. Die beiden Filme standen auf dem Programm der allerersten Filmvorführung des damals frisch gegründeten Vereins von Cineasten und Cinephilen, aus dem dann das Kommunale Kino der Stadt Karlsruhe wurde, das sich über einige Jahrzehnte – vermutlich wegen der Fantasielosigkeit der Vereinsmitglieder – schlicht „Das Kino“ nannte.

Die Kopien, die bei der Jubiläumsveranstaltung gezeigt wurden, erweckten den Eindruck, als ob sie weit älter wären als das Kino selbst. Wir bekamen eine graumatschige, also kontrastarme und verregnete, von unzähligen Laufstreifen verstümmelte 16mm-Kopie des Filmes von René Clair zu sehen, die – bitte sich nicht wundern – englische Titel hatte. Diese Kopienruine stammte aus der eigenen Sammlung der Kinemathek Karlsruhe, und für den Ankauf hatte die Kinemathek auch Zuschüsse verwenden können; also Steuergelder. Es war ein Stummfilm, und die Vorführung war auch stumm, denn es gab keine musikalische Begleitung. So hörte man jedes Geräusch im Saal, was für mich eine absolut künstliche Atmosphäre erzeugte, der ich mich am liebsten entzogen hätte. Das wäre jedoch ein Skandal geworden, wenn der Leiter des Stummfilmfestivals Karlsruhe, und nicht nur als solcher einer der Lieblingsfeinde Alfred Meyers, den Saal verlassen hätte. Also blieb ich sitzen, und fragte mich, ob wohl die Rechte-Inhaberin des Films, niemand anders als die große Cinémathèque Française, über diese Vorführung in Kenntnis gesetzt und dort die Aufführungsrechte eingeholt worden waren.

Das Stummfilmfestival Karlsruhe hatte Jahre zuvor nach großen Mühen eine Kopie der Cinémathèque Francaise zeigen können und dafür eine hübsche Summe hingelegt. Eine Vorführung einer anderen Kopie als ihrer eigenen hatte die Cinémathèque Française kategorisch abgelehnt. Ergänzend sollte man wissen, dass die Cinémathèque Française zwar juristisch gesehen die Rechte-Inhaberin ist, aber damals über jede Vorführung den Sohn René Clairs informierte, der eine Art Veto-Recht zu haben schien. Man fühlte sich „moralisch dazu verpflichtet“ ihn zu fragen, ob er mit einer Vorführung einverstanden wäre, sagte mir eine Mitarbeiterin der Cinémathèque, als es nachträglich zu erheblichen Differenzen wegen der Vorführung eines anderen Films von René Clair kam.

Unmöglich also, dass die Cinémathèque Française von dieser Vorführung erfahren hatte. Dann folgte der frühe Tonfilm von Jean Cocteau. Ebenfalls eine nicht restaurierte 16mm-Kopie aus der Sammlung der Kinemathek Karlsruhe; in ähnlich schlechtem Zustand, was sich insbesondere fatal auf die Verständlichkeit des Tons auswirkte. Schließlich gibt es Laufstreifen nicht nur im sichtbaren  Bild, sondern genauso auf der für die Zuschauer nicht sichtbaren Tonspur, wenn es sich um eine Lichtton-Kopie handelt. Das ist auch meistens der Fall. Hinsichtlich der Rechtelage kenne ich mich bei Jean Cocteau nicht so gut aus wie bei René Clair, so dass ich hierüber nichts sagen kann.

So blieb der Abend für mich als cineastischer Tiefpunkt wirklich unvergesslich. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich je so schlechte Kopien gesehen hätte. Alfred Meyer und Inka Gürtler mögen vielleicht Cineasten sein, cinephil sind sie nicht. Wer das Kino liebt, zwingt sein Publikum nicht, einen solchen Abend über sich ergehen lassen zu müssen.  Nach der Vorstellung fragte ich Inka Gürtler, warum sie diese Kopien gezeigt hätten. Sie könnten nicht anders, war die Antwort; ihre finanzielle Lage ließe nichts Anderes zu.

Rainer Werner Fassbinder „Warnung vor einer heiligen Nutte“

Auf etwas merkwürdige Weise vermischt sich in meiner Erinnerung dieser Abend, also das vierzigjährige Jubiläum, mit der Verabschiedung von Alfred Meyer und Inka Gürtler aus den Diensten der Kinemathek, die dann drei Jahre später stattfand. Zu ähnlich waren bestimmte Reden, zu ähnlich waren das Personal im Saal wie vor dem Publikum und die Situation, so dass ich nicht mehr sagen kann, bei welcher der beiden Veranstaltungen, beim Jubiläum oder beim Abschied, Alfred Meyer lange Ausführungen zu seiner jahrzehntelangen Tätigkeit machte, die mit anklagenden Hinweisen auf die seiner Ansicht nach völlig unzureichende finanzielle Ausstattung der Kinemathek verbunden waren? Vielleicht auch bei beiden. Gerne betonte er, wie viel Vergnügen es bereitete, mit wenigen oder auch sehr wenigen Zuschauern und Zuschauerinnen im Kino zu sitzen, und einen Film anzusehen, den offenbar nur er und der bei solchen Gelegenheiten oft anwesende Leiter des Naturkundemuseums zu schätzen wussten. Der letztere erging sich dann in einer lobhudelnden Rede zum gleichen Thema, also zu dem einzigartigen Genuss, den eine Filmvorführung in einem mittelgroßen und fast leeren Saal bereiten kann, wenn nur wenige bis sehr wenige Besucher und Besucherinnen anwesend sind. Um sich diesem Genuss regelmäßig hingeben zu können, wurden offenbar nicht unerhebliche Anstrengungen unternommen. Ich komme jetzt etwas ins Fabulieren, aber sei es drum. Die Überlegung, mit den Filmprogrammen ein Publikum zu erreichen und den Erfolg vielleicht daran abzumessen, ob und in welcher Weise das gelang, war Alfred Meyer offenbar sehr, sehr fremd.

Mit Alfred Meyer und dem Leiter des Naturkundemuseums waren zwei Publikumsverächter unter sich, und sie lieferten mit ihren Ausführungen gleich  eine schlüssige Erklärung für die schwierige finanzielle Lage der Kinemathek Karlsruhe mit. Wer allen Ernstes darüber philosophiert, wie schön es doch sei, als einer der ganz wenigen Zuschauer im Saal die tatsächliche oder vermeintliche Qualität eines selten gezeigten Filmes bewundern zu können – und nebenbei noch stolz darauf ist, kein Publikum erreicht zu haben, oder Höhepunkt des Genusses: ein paar Zuschauer und Zuschauerinnen aus dem Saal getrieben zu haben, weil sie den Film langweilig, schlecht oder unerträglich fanden, hat kein moralisches Recht, über mangelnde Zuschüsse zu klagen. Wer so tollkühn keine ermsthafte Anstrengung unternimmt, für die Filme seiner Wahl ein Publikum zu finden, der hat dann irgendwann wirklich kein Geld mehr, um eine gute Kopie eines Stummfilmes mit musikalischer Begleitung zu zeigen.

Und dann haben wir noch ein Detail für die Tränendrüsen: Die Pressemitteilung der Stadt Karlsruhe vom 14.  April 2017 zur Verabschiedung (also kein Zweifel, bei welcher der beiden Veranstaltungen es war) zitiert noch aus einem Brief einer ungenannten Freundin Alfred Meyers und Inka Gürtlers. Jetzt bitte die Taschentücher bereithalten und ggf. zum Einsatz bringen! Dieser Freundin zerriss es offenbar das Herz, Alfred und Inka scheiden zu sehen. Das war natürlich eine Anklage in Richtung Kulturamt, dem gesagt werden sollte, was es mit dem auf offenbar auf Druck der Stadt zustande gekommenen (wir wollen es nicht sagen: erzwungenen) Ausscheiden von Meyer und Gürtler anrichtete: Zerrissene Herzen, weinende Freundinnen, traumatisierte Cineasten – was fehlt noch? Ende des Einsatzes der Tränendrüsen.

Die Verabschiedung von Meyer und Gürtler war offenbar der Schlusspunkt einer Entwicklung, die sich langsam angebahnt hatte, und von der nur wenige Details wirklich in die Öffentlichkeit drangen. Und ich gebe es gerne zu, ich habe nicht alles verfolgt und wahrgenommen. Meine Tätigkeit als Geschäftsführer des Studentischen Kulturzentrums ließ es schon zeitlich nicht zu, alles hautnah zu beobachten. Deswegen werfen wir nochmals einen Blick auf einige Details der beiden Veranstaltungen – sie sind aufschlussreich genug.

Es ist vielleicht verständlich, dass nach vielen Jahren, in denen das Kulturamt immer wieder mahnte, das Marketing zu verbessern, um mehr Publikum zu erreichen, beim Kulturamt allmählich die Wertschätzung der Kinemathek gesunken und das Verhältnis zu Alfred Meyer sich doch etwas (das ist mutmaßlich untertrieben) eingetrübt hatte. So erschien zum vierzigjährigen Jubiläum weder der Kulturbürgermeister, noch die Leiterin des Kulturamtes sondern lediglich deren Stellvertreter, der Leiter des Stadtarchivs, um die pflichtgemäße Lobesrede auf Alfred Meyer und Inka Gürtler zu halten. Als jedoch der Abschied feststand, kam tatsächlich niemand anders als der Oberbürgermeister Frank Mentrup, um die Abschiedsrede für Alfred Meyer  und Inka Gürtler zu halten und die neue Geschäftsführerin Dr. Christine Reeh vorzustellen. Da konnte der OB kommen, denn jetzt war man den Herrn Meyer ja offenbar los. Der OB konnte sich meiner Erinnerung nach glücklicherweise seinen flotten Spruch verkneifen, den er gerne bei der  Eröffnung der Independent Days macht. Der Spruch hätte dann sinngemäß vermutlich so gelautet: „Ein Leben ohne Alfred Meyer als Leiter der Kinemathek ist möglich aber sinnlos.“ Wie ich den Spruch umformulieren würde, kann sich die Leserin und der Leser sicher gut vorstellen.

Alfred Hitchcock, Vertigo

Dr. Christine Reeh hielt dann eine Rede, die ihr wohl vom Vorstand der Kinemathek, zu dem Alfred Meyer immer noch gehörte (!), diktiert worden war. Man wolle Filme nicht zeigen (aha, denkt der überraschte Zuhörer, was aber dann?), nun, man wolle Filme ausstellen, wie im Museum also. Mit Verlaub, ein Hirngespinst. Mittlerweile ist auch Dr. Christine Reeh Vergangenheit; ebenso wie der mit ihr gekommene Jens Geiger; sie hat einen sicher besser dotierten Job an der Filmuniversität Potsdam angenommen; er ist zurück nach Hamburg.

War es nun bei der Jubiläumsfeier  – ich tendiere zu dieser Version – oder in Anwesenheit des OB bei der Verabschiedung; ich habe jedenfalls im Nachhinein den Eindruck, dass dem anwesenden Vertreter des städtischen Kulturamtes mit aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben werden sollte, dass Alfred Meyer die für die Kinemathek erhaltene Unterstützung so verjubelt (hat), wie ihm es eben passte – und natürlich reichte diese Unterstützung nie, denn man hätte immer noch mehr Geld verjubeln können. Es gab Zeiten, da lautete in gewissen Kreisen ein Motto bekanntlich: „Staatsknete – legal – illegal – scheißegal“.

Wie gesagt, drei Jahre später musste Alfred Meyer nach offenbar großem Druck des Kulturamtes, wie man munkelt, den Geschäftsführerposten aufgeben, und mittlerweile (Oktober 2020) ist er nicht mal mehr im Vorstand der Kinemathek Karlsruhe e. V. Das hat Alfred Meyer so sehr verbittert, dass er in Berlin bei einer Mitgliederversammlung der Kommunalen Kinos im Februar 2020 sagte, er hätte „das eigene Kino verlassen müssen“ – und seine Lebensgefährtin Inka Gürtler mit ihm.

Ich kann durchaus verstehen, dass der arme Junge jetzt verbittert ist, aber er war es doch selbst, der die Situation so gestaltete, wie sie zur Zeit seiner Verabschiedung eben  war. Und ist die Kinemathek Karlsruhe etwa sein Eigentum, dass er von seinem „eigenen Kino“ spricht? Man kann ruhig sagen, dass er mit dieser Einstellung das Kino bald 40 Jahre leitete. Trotzdem war diese Einstellung schlicht falsch. Alfred Meyer hat mit seinem Verhalten gegenüber Partnern, gegenüber dem Kulturamt und gegenüber dem Publikum Spuren hinterlassen, die sich nicht so schnell werden tilgen lassen. Die Nachfolgerinnen und Nachfolger haben es schwer.

* Der Filmclub 813 soll leben, nicht nur überleben.

Titelfoto (ganz oben): René Clair, „Paris qui dort“

Pressemitteilung der Stadt Karlsruhe bzw. Stadtzeitung vom 14. April 2017:

Fast ebenso lange wirkte als Mitstreiterin und Programmkuratorin auch Inka Gürtler. Ende Januar trat das Leitungsteam gemeinsam ab. Oft spreche man von Urgesteinen, aber in diesem Falle treffe es tatsächlich zu, verlas OB Dr. Frank Mentrup vergangenen Freitag bei einer Feier im Studio 3 die Notiz einer „Freundin“ und Kinoenthusiastin. Des Duos „enzyklopädisches Wissen“ über Filme und Regisseure beeindrucke, es beherrsche alle Kniffe. Der Abschied der beiden gleiche dem Ende eines alten Handwerks, „es zerreißt einem das Herz“.

Voller Leidenschaft und Liebe zum Film machten Meyer und Gürtler die Kinemathek zu dem, was sie heute ist: Ein renommiertes Haus, das Produktionen aller Genres und Stilrichtungen zeigt, möglichst in Originalfassungen, häufig im Kontext spezieller Reihen, begleitet von Einführungen und Diskussionen mit Filmschaffenden.

Die Stadt schätze die Kinemathek, betonte Mentrup. So sei sie im jüngsten Doppelhaushalt von Kürzungen verschont, ihr Zuschuss gar erhöht worden. Meyer sagte, die Förderung stehe in keinem Verhältnis zur geleisteten Arbeit und wünschte sich „grundlegendes Umdenken“. Kinos wie diese seien in diesen Zeiten besonders wertvoll, erklärte Gürtler, denn mit der Digitalisierung drohten 100 Jahre Filmgeschichte zu verschwinden. Neue Geschäftsführerin der Kinemathek ist die Regisseurin und Produzentin Christine Reeh, das Programm verantwortet künftig Jens Geiger vom Team des „Filmfests Hamburg“. -maf-

Ein Nachtrag:

Vor einigen Tagen habe ich mit einem der Gründungsmitglieder des Karlsruher kommunalen Kinos telefoniert. Dieses Mitglied war bei der Veranstaltung zum vierzigjährigen Bestehung des Kinos anwesend. Es hat mich darauf hingewiesen, dass bei dieser Veranstaltung noch weitere Gründungsmitglieder im Saal waren und sich aus diesem Anlass z. T. nach langer Zeit wieder begegneten. Das Gründungsmitglied, mit dem ich telefonierte, hatte in sehr guter Erinnerung, dass Alfred Meyer es nicht für notwendig befand, bei der Eröffnung der Veranstaltung eben diese Gründungsmitglieder zu begrüßen. Nein, eine solche durchaus angemessene Geste hielt Alfred Meyer offenbar nicht für notwendig. …  (im Dezember 2020)

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