Februar 2022: Stummfilme in Köln

Vor einigen Wochen konnte man zwei besondere Filmveranstaltungen in Köln besuchen: „Frau im Mond“ (1929) und „Spione“ (1928) von Fritz Lang wurden im Filmforum NRW (im Museum Ludwig), direkt neben dem Dom, im Rahmen der „Filmreihe Fritz Lang – Ikone der Filmgeschichte mit Livemusik“ gezeigt. Die dritte und letzte Vorführung fand die Woche danach in der Kölner Philharmonie statt: ein Filmkonzert mit dem Gürzenich-Orchester Köln, das Langs 2010 restauriertes Meisterwerk „Metropolis“ (1927) live begleiten wird. Diese interessante Screening-Reihe wurde übrigens vom Orchester selbst organisiert, gemeinsam mit der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln.

Als eine Person, die in Köln mit der Filmgeschichte der 20er und 30er Jahre beschäftigt ist und sich generell auf Vorführungen mit Filmen der ersten drei Jahrzehnte des Kinos freut, kann ich sagen, dass es für die kölnische kulturelle Szene ziemlich selten ist, ein monatliches Programm zu haben, das sich völlig dem Stummfilm widmet (auch wenn man bedenkt, dass die Vorführungen aufgrund der Pandemien immer noch begrenzt sind).

Mir fiel sofort auf, dass das Programm einer umgekehrten chronologischen Reihenfolge folgte, von „Frau im Mond“ (1929) bis „Spione“ (1928) und zuletzt „Metropolis“ (1927). Es war etwas merkwürdig, die Vorführungen in diesem Sinne anzugehen. Denn so sehr „Frau im Mond“ als Sci-Fi und „Spione“ als Thriller bezeichnet werden kann, so sehr haben doch beide Filme eine sehr romantisierende Handlung und insbesondere „Frau im Mond“ auch einen hochdramatischen Touch. Viele ihrer konstitutiven Elemente finden sich bereits in „Metropolis“ wieder, von allen technischen Apparaten bis hin zu sehr gut ausgearbeiteten Intrigen und Charakteren, so dass ich erstmals den Eindruck hatte, dass „Frau im Mond“ und „Spione“ als weitere Spezifizierung des komplexeren „Metropolis“ gesehen werden könnte. Als ob Fritz Lang einige Aspekte weiterentwickeln wollte, die in letzterem nicht genug Aufmerksamkeit bekommen konnten.

Der Star dieser beiden Filme ist für mich eigentlich Gerda Maurus, deren nervöse Charaktere der Studentin Friede  Velten (in „Frau im Mond) und der russischen Spionin Sonja wesentlich zum Erfolg von „Frau im Mond“ bzw. „Spione“ beigetragen haben. So hell wie der Mond, spielt Maurus mit einer einzigartigen dramatischen Anmut, mit intensiver Ausdruckskraft und ebensolchem Selbstbewusstsein, besonders wenn man bedenkt, dass diese beiden Werke (dank Fritz Lang) im Grunde der Beginn ihrer längeren Schauspielkarriere waren. Special Guest im Filmforum bei „Frau im Mond“ war die Tochter von Gerda Maurus, Philine Maurus-Bujard. Für jemanden wie mich, die im Grunde ein Jahrhundert nach der Stummfilmzeit aufgewachsen ist, hat es eine große Wirkung, vor einer Person zu sitzen, die ihre Erfahrungen aus dieser Zeit bezeugen kann.

 

Gespräch mit Philine Maurus-Bujard (vorne) und Fritz Lang bei den Dreharbeiten zu „Frau im Mond“ (hinten)

Am 5. Februar wurde „Frau im Mond“ dann für knapp 180 Minuten vom Pianisten und Komponisten Mathias Hirth begleitet, der auch Kurator der Dresdner Stummfilmtage ist. Das war eine meiner ersten Erfahrungen mit Stummfilmen dieser Art: Der Film wurde komplett von einem Live-Soundtrack begleitet, der aus Improvisation und Eigenkompositionen, aus elektronischen Vibes und akustischen Instrumenten bestand. Da ich dem klassischen Klaviersolo zugetan bin, war ich sehr gespannt, ob ich mich mit dieser Musik würde anfreunden können, besonders bei einem so langen und dichten Film. Nicht nur konnte die Musik die Zartheit von „Frau im Mond“ unterstreichen, sondern verstärkte sogar dessen visionäres Wesen.

Die Szene, in der sich Musik am beste ausdrücken konnte, ist meiner Meinung nach die des Raketenstarts: Hier hat man kaum ‚Dialoge‘ (bzw. Text), es gibt einen sehr langsamen Countdown, viele Close-Ups und Introspektion. In dieser Szene zeigt die Aufregung der Mondreisenden ihr anderes Gesicht, das der Angst, der Besorgtheit, wenn nicht sogar der Panik. Hirths Musik konnte all dies widerspiegeln und noch mehr hinzufügen: eine zeitgenössische musikalische Note, die mich besonders an die Musik erinnerte, die Hans Zimmer wunderschön für „Interstellar“ komponiert hat. Als die Besatzung der Rakete die „Dark Side of the Moon“ erreichen (um weitere zeitgenössische Sounds zu erwähnen, die in Hirths Noten widerhallten!), wurde all diese angesammelte Spannung plötzlich in einer kosmischen, intensiven Stille freigesetzt. Helius und seine Kameraden sind erfolgreich auf dem Mond gelandet – und wenn Maurus der Mond ist, dann kann Willy Fritsch nichts anderes als die Sonne, „helius“, sein.

Am 9. Februar wurde „Spione“ dann von dem Stummfilmpianisten und Kurator der Weimarer Stummfilm-Retrospektive Richard Siedhoff begleitet. Erst vor wenigen Wochen hatte ich das Vergnügen, ein paar seiner Kompositionen bei unserem Karlsruher Stummfilmfestival 2022 zu hören, wo er unter anderem „Die tolle Lola“ von Eichberg erfolgreich begleitete. Nachdem ich seine musikalische Interpretation von „Spione“ gehört habe, kann ich meinen ersten Eindruck bestätigen: Seine Musik ist stark energisch und dramatisch – dramatisch energisch, wenn wir wollen, als ob es ständig eine Spannung nach vorne gäbe, einen Impuls, die Narrativität des Films in ihrer vollen Ausdehnung weiter zu erforschen – selbst bei einem Film, der etwa 150 Minuten dauerte.

Die Sequenz, die meine Aufmerksamkeit am meisten auf sich zog, war die des Zugunglücks: Mit Parallelmontage verfolgen wir zwei Szenen in zwei Zügen, die ihren Weg parallel beginnen und sich nie kreuzen sollen. Doch an einem bestimmten Punkt kreuzen sich ihre Wege, als würde der Film plötzlich seine Natur offenbaren: Die Fläche, auf der sich der Film entwickelt, ist nicht eben und linear, sondern kreisförmig, eine perfekt gebaute Kugel. Wie Siedhoff nach der Vorführung betonte, kann man Langs Filme tatsächlich nicht schneiden, denn jeder Schnitt ist funktional für den vorherigen und den folgenden. Zwischen evokativen Anspielungen auf Rimsky-Korsakov und ‚O Sole mio kristallisierte sich ein brillantes Leitmotiv heraus, das nach meinem Eindruck lose von der bekannten James-Bond-Themenmusik inspiriert war: Sehr eingängig in seiner Simplizität, konnte dieses Leitmotiv dann den ganzen Film kreativ durchziehen (und ist mir in diesem Moment noch in Erinnerung!).

Zwei (drei, darunter „Metropolis“) akribisch geschriebene Filme, deren Verdienst nicht nur dem Genie Fritz Lang, den schauspielerischen Fähigkeiten der Darsteller, sondern vor allem auch der Autorin der jeweiligen Romane zu verdanken ist: Thea von Harbou, Langs langjähriger Drehbuchautorin, Mitarbeiterin und Ehepartnerin. Und es war schön, diese Filme in Köln zu sehen.

Zusammenfassend, dank Filmen und Musik konnte ich letzte Woche begreifen, dass es zwischen Georges Méliès und Christopher Nolan, und noch vor Alfred Hitchcock, definitiv Lang, Fritz Lang gibt.

Gerda Maurus in „Spione“ von Fritz Lang © Sammlung Josef Jünger

Maria Adorno

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