Des Filmarchivars Lieblingsbeschäftigung

Des Filmarchivars Lieblingsbeschäftigung  –    Film Archivist’s favourite occupation

… ist der Fund und die anschließende Restaurierung verloren geglaubter Filme. Nun gibt es zwar viele verschollene Filme, aber leider findet sich nur sehr selten einer dieser vermeintlich verloren gegangenen Filme tatsächlich wieder.

Da aber der Filmarchivar nur mit der mehr oder weniger sensationellen Wederentdeckung eines verschollenen Filmes so richtig und weit über sein Fach hinaus in die Schlagzeilen kommen und – ja – sogar berühmt werden kann, man denke nur an die Entdeckung der stark abgenutzten 16mm-Kopie von „Metropolis“ in Argentinien, wird in den letzten Jahren immer wieder etwas nachgeholfen.

Ständig liest man in den einschlägigen Internet- und Facebook-Foren von der Wiederentdeckung und Restaurierung des einen oder anderen Filmes. Es ist eine geradezu dümmliche Mode – besser: Marotte –  geworden, da die meisten fachkundigen Leser doch sofort wissen, dass es sich nur um eine stupide Masche handelt.

So habe ich gerade gelesen, dass „Rosita“ (zum Film siehe den entsprechenden Beitrag) von Ernst Lubitsch verschollen gewesen wäre. Ach ja? War „Rosita“ tatsächlich verschollen? Das erzählt niemand anders als der Kurator des MoMa, Dave Kehr, auf You Tube, wo er seine eigene Arbeit darstellt.

Wer die Geschichte dieses Filmes nur ein wenig kennt, kann nur lachen. Der Film ist zwar nur sehr selten zu sehen, das hat aber seine historischen Gründe. „Rosita“ war Lubitsch’s erster Film in den USA. Leider hat das Ergebnis der Hauptdarstellerin Mary Pickford nicht so recht gefallen. Sie hat sich mit Lubitsch zerstritten – oder er mit ihr, was hier jetzt keine Rolle spielt. Jedenfalls hat Mary Pickford versucht, später alle auffindbaren Kopien des Films aufzukaufen und in ihrer Stiftung verschwinden zu lassen. Gelungen ist das nicht, eine CD der FIAF verzeichnet Kopien des Films in Brüssel, Wiesbaden (DIF), München (Filmmuseum), Bukarest, beim MoMa, in Moskau (Gosfilmofond),  Los Angeles (UCLA) und Rochester (George Eastman House).

Auf der Website der Mary Pickford-Foundation ist das sachlicher dargestellt. Dort ist zu lesen, dass für die Restaurierung durch das MoMa die einzige vorhandene Nitrat-Kopie aus Moskau für die Restaurierung herangezogen wurde.

Natürlich war diese Nitratkopie in einem erbärmlichen Zustand („poor“ sagt Kehr), sonst wäre es ja auch keine zu würdigende Leistung, wenn dann in Bologna in wenigen Wochen* das Wunderwerk der Restaurierung vorgeführt wird, das Dave Kehr vollbracht hat.

Dave Kehr widmet sich dieser Kampagne mit Inbrunst, weil es in Bologna dieses Jahr (2018) eine Aufführung der also digitalisierten und restaurieren Kopie geben wird. Wir sind gespannt, was uns erwartet.

Bringen wir es auf den Punkt: Die Mär von der wiederentdeckten Kopie dient einzig und allein der Erhöhung oder der Überhöhung der eigenen Arbeit zu Marketing-Zwecken. Wie immer, es geht nur ums Geld …  Aber müssen dafür solche Märchen in die Welt gesetzt werden?

In leicht abgeschwächter Form, aber letztlich mit gleicher Zielsetzung wird auch gerne behauptet, ein Film wäre vergessen gewesen und gerade wiederentdeckt worden. So wird gerade (2020) das Erscheinen des Films „Das Indische Grabmal“ von Joe May auf DVD bzw. Blu Ray beworben. „Das Indische Grabmal“ war doch nie vergessen. Aber vielleicht ist diese Behauptung ein vermutlich nicht gelingender Versuch, diesen Mammut-Schinken dem Publikum nahe zu bringen. Ich jedenfalls weiß nicht, warum ich diesen Film, dem keinerlei Aktualisierung abzugewinnen ist, z.B. im Rahmen eines Stummfilmfestivals dem Publikum von heute zumuten sollte.

An den Mammutschinken dieser Art ist die Zeit vorüber gegangen – und das zur Recht. Ich kann mir eine Anmerkung nicht verkneifen –  siehe unten.

Leider gibt es aber auch Entdeckungen, die bedeutend höheres Interesse verdienten. Wenn es dazu nicht kommt, ist es oft mangelnde oder einfach nachlässige PR-Arbeit der Filmarchive. Ein betrübliches Beispiel ist in dieser Hinsicht das deutsche Bundesarchiv/ Filmarchiv. Entweder war über Jahre die Stelle mit der falschen Person oder überhaupt nicht besetzt. Erst seit ca. 2 Jahren scheint sich dieser Zustand nach einer Neubesetzung zu bessern.

Die Entdeckung, die wie gesagt ein bedeutend höheres Interesse verdient gehabt hätte, war die Auffindung eines Fragmentes des über Jahrzehnte als verschollen geglaubten Filmes „Der Fall Rosentopf“ von und mit Ernst Lubitsch. Von der Fachwelt außerhalb von Berlin fast vollkommen unbeachtet fand die erste Aufführung vermutlich (?) im Januar 2018 im Arsenal, Berlin, statt; die zweite Aufführung vor der wie immer zahlreich versammelten Fachwelt beim Cinema Ritrovato Ende Juni 2018 in Bologna. Dann kannte zumindest die Fachwelt das 18-minütige Fragment des Filmes. Aber auch nach Bologna war kein Leitungspersonal des Bundesarchiv/Filmarchivs angereist. So kann man die besten Gelegenheiten, einen Film großartig zu präsentieren, versäumen …

Auf der deutschen Wikipedia-Site gilt der Film (September 2020) immer noch als verschollen, usw. usf.

Die Anmerkung:  … führt natürlich zu Fritz Lang, der „Das Indische Grabmal“ in den 50ern nochmals verfilmen musste und von Fritz Lang zu Jean-Luc Godard, der in „Le Mépris“ (Die Verachtung) Fritz Lang als Regisseur von Blockbustern auftreten lässt und ihn mit seinen Pappmaché-Figuren ablichtet. Auch eine Art Kommentar.

* Der Beitrag wurde ursprünglich im Mai/Juni 2018 geschrieben und später (September 2020) überarbeitet.

Plakat: Joseph Fenneker; Foto des Plakates: Stiftung Deutsche Kinemathek Berlin

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