Die Kunst der Programmation

Die Programmation eines Kinoprogrammes soll eine Kunst sein? Ich kann  mich erinnern, dass irgendwann die Programmmacher in den Kinos anfingen, sich Kuratoren zu nennen, ein Begriff der bekanntlich aus dem Bereich der Bildenden Kunst und ihrer Präsentation in Museen und Galerien kommt. Das empfand ich, als der Begriff aufkam, als anmaßend und deplaziert, weil ich die Tätigkeit des Programmmachens nicht mit einem Begriff aus einem Bereich versehen wollte, den ich für extrem bürgerlich halte. Bei genauerem Hinsehen muss man das Aufgreifen eines Begriffes aus dem Bereich der Bildenden Kunst auf die gesellschaftlich viel bessere Anerkennung der Bildenden Kunst durch das deutsche Bürgertum verstehen, das Film und Kino letztlich verachtet.

Kino ist dagegen keine bürgerliche Kunstform, und ich wollte deswegen nicht die Begriffe aus der bürgerlichen Bildenden Kunst aufgegriffen wissen. Jedoch gibt es einen Aspekt, der für den Begriff „Kurator“ bzw. „Kuratorin“ spricht: das ist eben die Frage der Anerkennung. Was für den Kurator/die Kuratorin in der Bildenden Kunst selbstverständlich ist, dass er und seine Tätigkeit hohe Anerkennung genießt, gilt für den Programmmacher und Programmmacherin im Kino noch lange nicht. Ist das überhaupt eine kreative Tätigkeit?

In den meisten (gewerblichen) Kinos ergibt sich das Programm durch die Vorgaben der Verleiher und das gerade vorhandene Angebot. Von diesen Kinos soll hier nicht die Rede sein. Schon die Programmkinos beanspruchen für sich, ein mehr oder weniger individuelles Programm zu spielen, das sie nach Filmangebot, Publikumsinteresse und vielleicht auch inhaltlichen Kategorien gestalten. Anspruch der Progammkinos war und ist es vielleicht noch, ihr Progamm in gedruckter Form oder nach dem Ende des Papierzeitalters online im Internet vorab zu veröffentlichen.

Noch weitergehende Ansprüche haben die nichtgewerblichen, insbesondere die Kommunalen Kinos; dort sollen nach dem eigentlich überkommenen Leitspruch aus den siebziger Jahren „Andere Filme“ „anders gezeigt“ werden. Historisch meinte „andere Filme“ nicht-kommerzielle Filme, von den Mainstreamkinos vernachlässigte Filme und Genres wie z. B. den Dokumentarfilm. Es fällt auf, dass diese Beschreibung der „anderen“ Filme fast nur Negativ-Kategorien aufweist. Und zugespitzt entstanden dann Programme wie „Das Kino der nordfinnischen Samen in Originalfassungen mit finnischen UT; deutsche werden eingesprochen“. Programme, die dazu geeignet waren, die Kinos gründlichst zu leeren.

Ich kenne Kinoleiter, die darauf stolz waren, wenn das Kino sich leerte. Publikumsverächter nannte ich diese Sorte von Programmmachern und –macherinnen früher. Aber die Sache ist viel gravierender und mit einem scharfen Bonmot nicht abgetan. Denn es ist zu diskutieren, für wen, bitteschön,  macht diese Sorte von Kinoleitern das Kino und sein Programm? Für sich selbst? Das wäre fatal. Immer, immer wieder muss festgehalten werden, dass wir Programme für das Publikum machen und nicht zu unserem eigenen Vergnügen. Der Weg zum Publikum darf nicht aus dem Auge verloren werden. Oder aus der anderen Richtung: wir müssen dem Film einen Weg zum Publikum bahnen. Der kann ganz verschieden sein, jeder Film geht sozusagen seinen eigenen Weg.

Über die Jahrzehnte hat es sich gezeigt, dass auf die beschriebene Weise der Kino-Entleerer ein Kino nur mit ständig steigenden Zuschüssen zu führen war, weil die Besucher und Besucherinnen diese Art Kino nicht mehr wollten. Es entstanden nichtgewerbliche Kinos, die mehr oder weniger explizit den B-Filmen, dem Trash usw. huldigen. Die politische Dimension, die dem „Anderen Kino“ noch inhärent war, war damit weitestgehend abgeschafft. Wenn man sich die Programme der B-Kinos anschaut, wird man aber nur mit Widerwillen von einer „Kunst  der Programmation“ sprechen wollen.

Es ist wohl notwendig, die „Kunst der Programmation“ als Vision zu beschreiben. Für mich besteht die Kunst der Programmation vor allem darin, ein Filmprogramm zusammenzustellen, das als Ganzes mehr ist als die Summe der Einzelteile. In den meisten Kommunalen Kinos werden kaum noch inhaltlich gut erarbeitete Filmprogramme gezeigt, weil es einfacher ist, eine Art besseres Programmkino zu machen. Und die erarbeiteten Programme beschränken sich dann oft auf Namen-Programme, also das Werk eines Regisseurs oder einer bekannten Darstellerin oder eines Darstellerin. Bei diesen Programmen ist es schwierig bis ausgeschlossen, ein Filmprogramm nach dem genannten Prinzip, also ein Ganzes mehr als die Summe der Einzelteile, zusammen zustellen. Die Suche nach inhaltlichen Kategorien ist viel interessanter: seien es Filme einer bestimmten Epoche (nicht nur filmhistorisch), seien es ästhetische Themen, die leider kaum aufgegriffen werden. Die Gründe hierfür führen über kurz oder lang in eine Debatte über die filmwissenschaftliche Ausbildung in Deutschland ( und darüber hinaus), die ich hier nicht aufgreifen kann und will, aber doch kurz streifen muss.

Will man sich nicht auf rein cineastische Themen wie die Namens-Programme beschränken, braucht der Programmmacher, nennen wir ihn jetzt doch mal Kuratorin bzw. Kurator einen Wissensfonds, aus dem er schöpfen kann und der ihm als eine Art Inspirationsquelle dient. Diesen Wissenfonds muss der Kurator bereits während seiner bzw. die Kuratorin während ihrer Studienzeit zumindest anfangen zu bilden. Ich kann mich bis heute daran erinnern, was ein Dozent gelegentlich sagte: lesen Sie viel und kreuz und quer, um Gottes Willen nicht nur Literatur, sondern auch Geschichte, Kunst- und Sozialgeschichte, Soziologisches. So wurde Jürgen Habermas‘ „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ eine meiner interessantesten Lektüren und ein Seminar über „Stadt und Landschaft im Roman des 19. Jahrhunderts“ führte zur Lektüre kunsttheoretischer Arbeiten … hier breche ich ab.

Ich gebe gerne zu, dass ich aus dem Wissensfonds bis heute schöpfe. Dazu kam im Laufe der Zeit (Wenders, ick hör dir trapsen), die Kenntnis einiger tausend Filme. Das ist dann der Erfahrungsfonds, über den die Kuratorin bzw. der Kurator verfügen sollte. Allerdings kommt man diesem ebensowenig auf dieWelt wie mit dem Wissenfonds. Beides nimmt im Laufe der Lebensjahre zu, so dass mir heute zu jedem Thema relativ schnell Filme einfallen, und ferner verfüge ich über Techniken und Hilfsmittel, verschiedenste Themen erarbeiten zu können.

Bei einer solchen Themensuche gerät die Frage nach dem „Anderen Film“ völlig zu Recht in den Hintergrund. Es wird bestimmte Filme geben, die für das Thema wichtig sind, und es wird vielleicht sogar Filme geben, die das Thema erhellen, auch wenn wir sie als Cineasten und Cineastinnen zuerst mal für schlecht halten. Nur so nebenbei: ein schlechter Film in einem Programm ist vielleicht geeignet, die Qualität anderer Filme noch hervorzuheben und zu verdeutlichen.

Leider vermisse ich auch bei den Kommunalen Kinos eine Diskussion des Themas, was die Qualität von Filmprogrammen ausmacht oder überhaupt die Frage nach der Kunst der Programmation. Ja, worin besteht die Kunst der Programmation? Bei den Bundeskongressen hat man sich in den vergangenen Jahren eher mit der Verpackung als mit dem Produkt selbst beschäftigt. Zwar gab es einen Kongress zum Thema „Halbvolle bzw. halbleere Kinosäle“, aber es wurden dann vor allem Probleme des Marketings diskutiert: eben Fragen, wie man sein Produkt besser verkaufen könne, aber nicht die Frage der Qualität des Produktes selbst.

Andererseits, das gebe ich zu, ist das Thema schwer zu diskutieren. Es geht ans Eingemachte. Jeder und jede der Anwesenden denkt schließlich von sich, sein Handwerk bzw. seine Kunst ausgezeichnet zu verstehen, und dann haben die 100 Personen, die beim Kongress sind, alle jede und jeder für sich die Ansicht, sie würden das beste aller Kinos machen. Das Produkt selbst blieb bei den Bundeskongressen der letzten Jahre außen vor. Ist das Thema etwa zu heikel?

Nun ist es dringend notwendig, doch zumindest eine Hypothese zu formulieren: Können wir sagen, dass ausgehend von der Formulierung, ein gutes Filmprogramm bestehe darin, als Ganzes mehr zu sein als die Summe seiner Einzelteile, die Kunst der Programmation eben genau darin besteht: Filmprogramme zu gestalten, bei denen nicht nur der einzelne Film für sich einen ästhetischen Überschuss produziert, sondern auch das Filmprogramm als Ganzes.

 

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