Die beklemmende Aktualität von „Nosferatu“

Eine Notiz

Im Laufe der Veranstaltungen im Rahmen von „Toujours Kultur“  zeigte der Trägerverein des Karlsruher Stummfilmfestivals einen jener Stummfilme, die immer ihr Publikum finden: Friedrich Wilhelm Murnaus Urahn aller Vampir-Filme: „Nosferatu“ nach Bram Stokers Roman „Dracula“.

Als dieser Film ins Programm genommen wurde, geschah das vermutlich vor allem, weil er ganz sicher ein Publikum haben würde, aber niemand dachte an die schon fast bestürzende Aktualität des Films.  In den letzten Jahren war von Anton Kaes (University of California, Berkeley) zwar der Aspekt der kriegsbedingten Traumata vollkommen berechtigt betont worden, die Murnua mit „Nosferatu“ aufgreift und verarbeitet, die bestürzende Aktualität des Films ergibt sich aus einem anderen Aspekt des Films: Nach der Ankunft des Schiffes in Wismar, das den Sarg Nosferatus transportiert hat,  kommt es zu einem Pestausbruch. Ausgelöst haben diesen Pestausbruch die Ratten, die mit dem Schiff gekommen waren. Die Bilder, die Murnau für den Pestausbruch in Wismar findet, finden eine frappierende Parallele in jenen Bildern aus Bergamo, die uns erschütterten und fast den Atem gefrieren ließen: es sind die Bilder der Lastwagen, die die Särge aus der Stadt tranportierten, weil die Einrichtungen zur Lagerung der Leichen in Bergamo überfüllt waren …

Ich möchte diese Bilder hier gegenüberstellen, um die beklemmende Aktualität von Murnaus Film zu betonen.

Die Frage, die man sich stellen muss: kommt es im Laufe von Seuchenausbrüchen, die man heutzutage Pandemien nennt, immer zu ähnlichen Bildern, Ereignissen, Reaktionen? Die Panik der Menschen, das Aufkommen von wildesten Gerüchten und Verschwörungstheorien, das Suchen und Finden von vermeintlichen Schuldigen, die Lust am Untergang einerseits, die Sucht nach Leben andererseits, die sich in verzweifelten Partys am Rande des Abgrunds, also der Gefahr der Ansteckung, ausdrückt, all das scheint nicht neu zu sein, sondern schon fast eine Tradition zu bilden. In den lebensweltlichen Erfahrungen einerseits und eben in den Darstellungen der verschiedenen Künste andererseits. Ihren literarischen Niederschlag haben die Ausbrüche verschiedener Seuchen in fast jeder Epoche gefunden:   von Boccaccios „Decamerone“ (Pestausbruch in Florenz), über Daniel Defoes „Die Pest in London“ zu Heinrich Heines Schilderungen für eine Augsburger Zeitung (Cholera in Paris).  Wir warten dagegen noch auf den ersten Corona-Film oder den ersten Corona-Roman. Mal sehen, wie lange.

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