Ein Festival-Tagebuch in Zeiten der Corona-Pandemie – 2. Teil

Samstag, 29. Januar – Vierter Festivaltag

Erstes Programm: Die Tolle Lola

Heute beginnen wir schon um 15.00 Uhr mit Richard Eichbergs Film „Die Tolle Lola“ mit Lilian Harvey.

Der Film bildet im Programm des Festivals das Beispiel für die deutsche Unterhaltungskomödie der zwanziger Jahre.  Es ist zu Recht von einem Kritiker der Uraufführung bemerkt worden, dass Richard Eichberg kein Ernst Lubitsch ist. Schwierige Komödien mit Tiefgang waren nicht sein Metier. Natürlich macht es Spaß, Lilian Harvey zu sehen.  Und Kristina Köhler stellt das alles in ihrer sehr gelungenen Video-Einführung gut dar.
Videoeinführungen haben wir auf Vorschlag von Maria Adorno ins Programm aufgenommen. Ich hatte etwas Bedenken, ob das von unserem Publikum auch gut aufgenommen würde. Meine Bedenken erweisen sich als nicht stichhaltig. Die Video-Einführungen, zeitlich auf etwas fünf Minuten begrenzt, werden alle gut aufgenommen.

Die Handlung ist denkbar schlicht. Lilian Harvey darf als feurige Spanierin einerseits, als brave Bürgerstochter andererseits alle ihre schauspielerischen Talente entfalten und einigen Männern den Kopf verdrehen. Am Ende wird geheiratet. Im Ganzen ein sehr unterhaltsamer Film. Mehr sollte man von Richard Eichberg auch nicht erwarten. Wieder eine sehr gelungene musikalische Begleitung von Richard Siedhoff

Nun doch noch ein Einwurf: Im Nachhinein kommt mir dieser Film – und vielleicht auch die ganze deutsche Unterhaltungskomödie der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre – so vor, als ob man die leichte, zweiaktige Komödie der zehner Jahre gedehnt hätte auf fünf Akte. Was aber in zwei Akten flott und spritzig behandelt wurde, wird jetzt in die Länge gezogen, ohne dass die Handlung etwas mehr Witz und Tiefe bekommen hat. Und so, ich kann es nicht viel anders sagen, werden mir diese Komödien eher etwas lang bis langweilig und gelegentlich, weil vieles doch sehr absehbar ist, auch langatmig. „Die Tolle Lola“ bleibt jedoch durchgehend sehr gute Unterhaltung. Siehe aber meinen Kommentar zur „Comtesse Doddy“ mit Pola Negri (Programm: Komödien aus der Sammlung des EYE Instituts, Amsterdam)

Zweites Programm:

Filmkonzert   Erotikon

Für mich einer der Schlüsselfilme des Festivals. Mir ist bekannt, dass nicht alle diesen Film schätzen, aber das ist wohl das Schicksal einer schwierigen Komödie, einer „sophisticated comedy“, wobei dies meiner Ansicht nach nicht unbedingt „schwierig“ bedeuten muss, sondern eher mit einer ausgefeilten Handlung, schwer zu durchschauenden Charakteren und komplizierter Intrige in Verbindung gebracht wird.

Hier ist ein alternder Insektenforscher mit einer verzärtelten, eleganten jungen Frau verheiratet, die gleich mehrere Verehrer hat. Und einer, der es ernst zu meinen scheint, wirft der jungen Frau Ehebruch mit einem weniger skrupelhaften Liebhaber (?) vor. Das Fragezeichen habe ich gesetzt, weil der Zuschauer über lange Zeit im Unklaren gelassen wird, ob die Ehefrau des Professors mit jenem zweiten Verehrer nun tatsächlich Ehebruch begangen hat oder nicht. Der erste Verehrer teilt genau das aber dem Professor mit – mit fast fatalen Folgen …. Aber halt, zum Inhalt ist damit schon eher zu viel gesagt.

Leider gab und gibt es bis heute etliche Kritiker und Interpreten, die die ganze Raffinesse des Films nicht erkennen. So schreiben manche, der professorale Ehemann sei gar nicht im Spiel. Nun, am Ende des Films sehen wir ihn wieder verheiratet, mit der Haushälterin, die zumindest seine kulinarischen Vorlieben sehr genau kannte. Und auch die dramaturgische Funktion des Ballett-Besuches so ziemlich in der Mitte des Films wird von vielen nicht erkannt: Da wird der „worst case“ eines Ehebruchs dargestellt.

Mauritz Stiller verfügt auch über die formalen Mittel und kann sie perfekt einsetzen, um den Zuschauer gleichzeitig die emotionalen Reaktionen aller Beteiligten einer Szene zu zeigen. Ein hervorragendes Beispiel ist die Spiegelszene, die wir als Titelbild dieses 2. Teils des Tagebuchs benutzen. Wir sehen nicht nur den Verehrer (Lars Hanson) mit seinem etwas irritierten Blick, wir sehen auch die Reaktion der jungen Frau und spüren das Spannungsverhältnis zwischen den beiden Personen, das sich in der Körpersprache ausdrückt.

Wie schon öfters erwähnt: ein oder der Lieblingsfilm von Ernst Lubitsch.

Musik: Das Trio Transformer, das dieses Jahr das Filmkonzert gestalten kann, begleitet den Film mit einer modernen Musik, die dem Film dramaturgisch hilft und somit auf der ästhetischen Höhe des Films besteht. Das ist bei diesem Film nicht einfach, und ich möchte dem Ensemble mit Sabine Zimmer am Klavier, mit Chun Lin (Violoncello) und mit Klaus Roth am Schlagzeug für die Musik ein ausdrückliches Lob aussprechen.

Drittes Programm: Deutsche Komödien aus der Sammlung des EYE-Instituts Amsterdam.

Das Eye-Institut, das Filmarchiv und Filmmuseum der Niederlande, verfügt über eine einzigartige Sammlung von Filmen des Frühen Kinos, dessen Mittelpunkt die Desmet-Collection gehört, die in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen wurde.
Viele deutsche Filme haben sich nur in den Niederlanden erhalten und gehören jetzt zur Filmsammlung des EYE-Instituts. Es lag nahe, ein Programm mit Filmen aus diesem Bestand zu kuratieren, und damit gleichzeitig diese Sammlung zu würdigen.

Gerne hätten wir „Das Rosa Pantöffelchen“ von Franz Hofer mit Dorrit Weixler ins Programm genommen, was aber aus verschiedenen Gründen leider nicht möglich war. Wir haben uns dann zu drei Filmen entschlossen.

Eine billige Badereise

Der Schein trügt

Comtesse Doddy

„Eine billige Badereise“ ist vor allem wegen der jungen Henny Porten sehenwert. Erstaunlich, mit welcher lebhaften und überzeugenden Leinwandpräsenz sie agiert. Der Film selbst ist nicht gerade ein Meisterwerk, aber kurz und vergnüglich.

„Der Schein trügt“, für den Gustav Trautschold das Drehbuch schrieb und vermutlich auch Regie führte (das ist durch die vorhandenen Quellen nicht belegbar) stellt wieder wie „Der karierte Regenmantel“ eine leichte zweiaktige Komödie dar. Und wieder eine Verwechslungskomödie: Ein junges Ehepaar will in die Oper gehen; der Gatte bringt versehentlich die Asche seiner Zigarre aufs Hemd, er geht zurück ins Haus und ertappt das Dienstmädchen, das die Kleider seiner Frau anprobiert. Weil der Gatte nicht gleich zurückkommt, geht auch sie ins Haus und ertappt nun ihren Mann, der dem Dienstmädchen befohlen hat, schleunigst das Kleid seiner Frau auszuziehen. Schon haben wir den Salat, ähh, den Ehekrach. Glücklicherweise hat der Mann eine glänzende Idee, wie das Malheur zu reparieren ist.

Flott und ohne große Umstände und Retardierungen dramatisiert, haben wir einen sehr unterhaltsamen Film vor uns. Das Publikum sieht das auch so und hat auch Freude an der sehr schönen Kopie.

Das Originalplakat befindet sich im Deutschen Filmmuseum Frankfurt, das Foto stammt von filmportal.de.

„Comtesse Doddy“ ist dagegen eine Enttäuschung. Nach der Beschreibung könnte man einen Mix von Abenteuer- bzw. Sensationsfilm und Komödie vermuten. Aber die Abenteuer des Bräutigams, auf dessen Ankunft ungeduldig gewartet wird,  in Afrika werden nicht dargestellt, was ja im Film möglich wäre, sondern im Stil des aus dem Theater bekannten Botenbericht nur erzählt.

Da hat es der Produktion offenbar schlicht am Geld gemangelt, um eine halbwegs glaubhafte Dekoration im afrikanischen Stil ins Studio zu bauen. Die Handlung bleibt trivial und durchsichtig; Pola Negri wird als Darstellerin kaum geführt und spielt, wie wir das von ihr kennen: temperamentvoll, aber wenig gefordert.

Glücklicherweise begleitete das Duo Richard Siedhoff und Mykyta Sierov die drei Filme mit einer so energievollen Musik, die den einzelnen Filmen auch sehr half (und die „Comtesse Doddy“ trotz aller Mängel erträglich machte), so dass die Veranstaltung auf diese Weise zu einem schönen Erlebnis wurde.

Sonntag, 30. Januar – Fünfter Festivaltag

Sonntag Matinee

Seine Frau die Unbekannte

Dieser Film setzt seiner Interpretation viele Widerstände entgegen. Schon bei der Uraufführung schieden sich die Geister der Kritiker; waren die einen begeistert, lehnten ihn andere schroff ab.

Allerdings hatte ein weiterer Film des Regisseurs Benjamin Christensen, der nur wenige Wochen vor „Seine Frau, die Unbekannte“ in den deutschen Kinos angelaufen war, dem Publikum eher noch mehr Rätsel aufgegeben. Es war „Häxan“ (Hexen).

Während „Häxan“ eher als experimenteller Film gelten kann, bezeichnete Benjamin Christensen selbst „Seine Frau die Unbekannte“ zusammen mit einigen anderen Filmen als kommerzielle Auftragsarbeiten, was sozusagen unseren Erwartungshorizont etwas sinken lässt, wenn man das so flott sagen darf.

Als Zuschauer ist man zumindest irritiert über den Genre-Wechsel im Laufe des Films; beginnt er melodramatisch, so erfolgt schließlich ein Wechsel ins Komödien-Fach, der auch ganz deutlich vollzogen wird. Ist das Melodram nach Thomas Elsaesser durch das Verschweigen des eigentlichen Konflikts gekennzeichnet, so kommt es hier ganz genau zur Benennung des tieferen Konflikts und eben dadurch zum Genre-Wechsel. Die Szene lässt sich im Übrigen im  Film sehr genau lokalisieren.

Hatte der Zuschauer zuerst den Gesetzen des Melodrams folgend damit rechnen müssen, dass es ein ganz schlechtes Ende geben würde, so werden jetzt die Konflikte plötzlich alle lösbar und man lacht ein wenig.

Und dann setzte Benjamin Christensen noch auf einige eindeutige Szenen, so z. B. eine Szene mit einem Rückenakt von Lil Dagover. Dazu musste diese natürlich erst einmal Modell ihres Liebhabers geworden sein, was wiederum in der Folge eigentlich keine hervorgehobene dramaturgische Rolle spielen sollte – wen wundert’s? Von Lil Dagover schrieb schon ein Kritiker der Uraufführung (im Film-Kurier, Nr. 238, 20.10.1923), dass sie „pikant“ sei – das ist wohl das zeitgenössische Synonym für „scharf“…

So lässt dieser Film auch mich einigermaßen ratlos zurück. Dabei möchte ich betonen, dass ein Genre-Wechsel oder auch ein Genre-Mix durchaus seinen Sinn haben kann. Ich verspreche meinen Leserinnen und Lesern heute einen Text zu einem  Film von John Ford, der seine Größe vor allem einem Genre-Mix zu verdanken hat, der schon fast regelmäßig von den Interpreten übersehen wird.

Benjamin Christensen Film wird auch durch eine genaue Untersuchung der Produktionsumstände nicht besser verständlich. Casper Tybjerg hat mehrfach über den Film geschrieben. Er hat selbstverständlich zahlreiche Details zur Produktionsgeschichte ans Licht gefördert und ist schließlich der Ansicht, dass die Wahl des Hauptdarstellers Willy Fritsch verhindert hätte, den düsteren Ton durchzuhalten*. Aber hilft das beim Versuch, den Film zu verstehen?

Die Produktion eines Kunstwerks ist nur ein Teil, zum Kunstwerk gehört genauso die Rezeption, und es war wohl wirklich der Hinweis von Thomas Elsaesser** notwendig, um diese Erkenntnis in die Historiographie von Film und Kino einzuführen. Allerdings ist sie noch nicht allgemein verbreitet. Casper Tybjerg beschreibt sein Erkenntnisinteresse wie folgt: „As film historians, we work with both the films themselves and other kinds of source material to better understand how and why the films were made.“ (Hervorhebung von mir). Eine Interpretation des Films, die zu einem bestimmten Verständnis des Films führen könnte, ist erklärtermaßen nicht sein Ziel.

* Casper Tybjerg, Schatten vom Meister, in: Schwarzer Traum und weiße Sklavin, München 1994, Cinegraph, edition text + kritik

** Thomas Elsaesser in: Einleitung zu: Filmgeschichte und Frühes Kino (ein Text, den ich ausdrücklich zur Lektüre empfehle).

*** Casper Tybjerg, Benjamin Christensen’s Wonderful Adventure: Film History and Practitioner’s Agency auf: www.kosmorama.org, 2020, Download Dezember 2021.

Für die musikalische Begleitung des Films sorgte Andreas Benz, der schon ein Abo auf die Matinee hat. Das hat vor allem mit seiner beruflichen Tätigkeit als Musiklehrer an einem Heilbronner Gymnasium zu tun, so dass er unter der Woche zu wenig Zeit hat.

 

Charles-Chaplin-Erlebnistag

Der Sonntagnachmittagstermin ist traditionell der Programmplatz für ein Kinderprogramm. Allerdings gab es bei den letzten Festivals, weil bei den Festivals 2018 und 2019 auf diesem Programmplatz die Veranstaltungen im Rahmen der Projekte „Künstler an die Schulen“ stattfanden. 2020 konnte kein Kinderprogramm realisiert werden.

Unsere Mitarbeiterin und Kinderbuchautorin Susanna Krauthauser schlug vor, sich nicht auf reine Filmvorführungen zu beschränken, sondern einen Erlebnistag rund um Charles Chaplin zu veranstalten.

Das Konzept erscheint vielversprechend, und am Sonntagnachmittag sind etliche Eltern um Kindern in der Festhalle Durlach. Die Besitzer und Besitzerinnen von Festivalpässen machen sich etwas rar; das ist allzu verständlich, denn die meisten regelmäßigen Besucher und Besucherinnen von Stummfilmveranstaltungen haben die zur Aufführung kommenden Chaplin-Filme schon gesehen – meistens mehrmals.

So beginnt die Veranstaltung mit einer Lesung: Susanna Krauthauser liest aus „Charlie, der Clown“ von Margret Steenfatt.

Danach folgt der erste Film; es ist einer meiner Lieblingsfilme unter den Kurzfilmen von Charles Chaplin: „The Rink“ (Die Rollschuhbahn). Das Publikum ist begeistert; auch wenn nicht so viel gelacht wird, wie ich es bei diesem Film schon erlebt habe.

Die musikalische Begleitung des Programms hat das Trio Transformer übernommen, und es hat beim Musizieren hörbar genauso viel Spaß wie das Publikum beim Sehen und Hören.

Der Plan besteht jetzt darin, dass die kleineren und den kleinen Zuschauern nach dem ersten Film an einer Bastelrunde teilnehmen können, die anderen im Saal bleiben und den zweiten Film, nämlich „The Champion“, sehen können. Aber irgendwie geschieht nach dem Ende des ersten Film nichts, obwohl die Bastelrunde angekündigt ist. Der Festivalleiter muss kurz eingreifen, um auf die geplante Bastelrunde nochmals hinzuweisen. Kurz und gut: auch die kleinsten der Kleinen wollen nicht in die Bastelrunde – zumindest jetzt nicht – alle wollen zuerst den zweiten Film sehen. Das ist die Macht der Bilder – das lernen jetzt alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Festivals Wir zeigen also den zweiten Film; danach melden sich dann doch einige für die Bastelrunde, die von Susanna Krauthauser geleitet wird.

Bastelrunde beim Charlie-Chaplin-Erlebnistag mit Susanna Krauthauser (Mitte);
Foto: Maria Adorno

 

Wiederholungen:

Aufgrund der Pandemie-Situation war bekanntlich für alle Veranstaltungssäle die Zulassung von Besuchern stark heruntergesetzt worden. In die Festhalle Durlach durften maximal noch 70 Besucher; in das Kino der Kinemathek noch weniger. Wir hatten uns entschlossen, für die vermutlich am besten besuchten Programme Wiederholungen anzubieten. Unter normalen Voraussetzungen hätten wir an zwei Tagen im Kino der Kinemathek Veranstaltungen durchgeführt. Dann hatten wir schon einige Monate vor dem Festival die Information bekommen, dass voraussichtlich im Januar 2022 der Umbau des früheren Kurbel-Kinos durch den Jazz-Club in eine entscheidende Phase treten würde, und deswegen es geschehen könnte, dass gar keine Veranstaltung im Kino der Kinemathek stattfinden könnte.

So entschlossen wir uns, in der Kinemathek nur Wiederholungen und diese nur an einem Tag anzubieten. Ihr Wegfall hätte verschmerzt werden können, ohne dass das Programm des Festivals hätte tatsächlich Kürzungen hätte hinnehmen müssen.

Ein Beispiel, welch komplizierte Überlegungen diese Festivalvorbereitung erforderte. Ob der Jazz-Club tatsächlich mit dem Umbau voran kam, weiß ich bis heute nicht. Aber das steht auf einem anderen Blatt. …

Wir entschieden uns, drei Veranstaltungen zu wiederholen, die nun tatsächlich parallel zu den Vorführungen in der Festhalle Durlach stattfanden.

Wir beginnen um 15.00 Uhr in der Kinemathek mit der Wiederholung von „Ehe im Kreise“, dieses Mal von Gabriel Thibaudeau solo am Klavier begleitet. Maria Adorno betreut die Veranstaltung von unserer Seite und berichtet später, dass die Veranstaltung gut besucht war.

Die weiteren Wiederholungen sind dann das Programm „Der Alkoholische Slapstick“ und als dritte Veranstaltung „Tillie’s Punctured Romance“. Während zum „Alkoholischen Slapstick“ eine halbwegs zufrieden stellende Anzahl von Besuchern und Besucherinnen erscheint, ist die letzte Vorstellung sehr schlecht besucht. Das wundert mich bis heute, denn etliche der Besucher hatten beim „Alkoholischen Slapstick“ Karten für beide Veranstaltungen gekauft. Wir hatten eine spezielle Double-Feature-Eintrittskarte angeboten. Der Sonntagabendtermin erweist sich als schlechter Veranstaltungstermin.

Während ich bei den Wiederholungen bin, betreut Maria Adorno die offizielle Abschluss-Veranstaltung des Festivals.

Abschlussveranstaltung „I Raggi Z“ (dt. Titel: Die Z-Strahlen) und „College“ von und mit Buster Keaton

Kein Festival mit dem Thema „Komödien, Slapstick und Co.“ ohne Film von und mit Buster Keaton. Beim Festival 2020 war „Der General“ einer der erfolgreichste Film des Festivals überhaupt, was sicher auch der Begleitung durch die „Capella Obscura“, unserem Projekt-Orchester unter Leitung von Cornelia Brugger zu verdanken war. Ein Engagement des Orchesters kam schon aufgrund der Pandemie-Situation nicht in Frage, weil die ganze Situation viel zu unsicher war, um die Probenarbeit mit einem großen Orchester zu beginnen.

Wir hatten uns entschlossen, Gabriel Thibaudeau mit der Begleitung des Programms zu beauftragen und überließen ihm auch die Wahl des Films von und mit Buster Keaton. Von drei Vorschlägen unsererseits entschied er sich für „College“. Eigentlich ist es der Sport bzw. einige dafür besonders geeignete Sportarten, die Buster Keaton hier viele komische Einfälle nutzt. Gelegentlich ist es auch leicht gefährlich, wie man sich vorstellen kann – z. B. beim Diskuswerfen.

Da „College“ nur ca. 62 Minuten dauert, präsentieren wir als Kurzfilm eine italienische Komödie mit der in Deutschland leider völlig unbekannten Gigetta Morano. Das war nicht immer so (siehe meine Anmerkungen unten). Der Film mit dem Originaltitel „I Raggi Z“  ist unglücklicherweise nur als Fragment erhalten und so erfahren wir im Film überhaupt nicht, was es mit den Strahlen auf sich hat (siehe auch dazu meine Anmerkungen). Der deutsche Verleihtitel war übrigens tatsächlich „Die Z-Strahlen“. Das wissen wir, denn erstaunlicherweise hat sich der Film nur mit den deutschen Titeln erhalten.

Damit ging das 19. Stummfilmfestival Karlsruhe zu Ende.

„I Raggi Z“ (dt. Titel: „Die Z-Strahlen“) in der Festhalle Ksrlsruhe-Durlach, Foto: Maria Adorno

Anmerkungen zu „I Raggi Z“ (Die Z-Strahlen)

Die Suche nach Belegen für Aufführungen im deutschen Sprachraum gestaltete sich wie üblich mehr oder weniger schwierig. Durch die hervorragende Digitalisierung der Zeitungen und Zeitschriften durch die Österreichische Nationalbibliothek sind dort Kritiken und weitere Belege leicht zu finden.

Die „Neue Kino-Rundschau“ (Wien) veröffentlichte in Nr. 118 vom 7. Juni 1919 folgende kurze Kritik:

„Eine altbekannte und allen Kinobesuchern liebgewordene Lustspielinterpretin, die reizende Giggetta, läßt die Lacher in ihrem fünfaktigen Lustspielschlager „Z-Strahlen“ nicht mehr Atem schöpfen. Giggetta ist uns außerdem durch eine Anzahl kleinerer Komödien, durch „Mamsell Nitouche“ liebgeworden. Durch „Z-Strahlen“ wird sie uns unentbehrlich werden.“

Wir schließen: Gigetta Morano war zu dieser Zeit dem Publikum wohlbekannt; und der Film bekam eine vorzügliche Kritik.

Weiter geht aus dem Text in der Neuen Kino-Rundschau hervor, dass der Film von der Firma Wolframfilm GmbH verliehen wurde, die ihren Sitz im heutigen Ústí nad Labem (Tschechien) hatte, das damals Aussig hieß (eine Niederlassung in Prag war geplant).

Es erscheint nun als durchaus möglich, dass „Die Z-Strahlen“ nur in den deutschsprachigen Gebieten in den Vertrieb kam, die zu Österreich-Ungarn gehörten, dessen Tage zu dieser Zeit schon gezählt waren. Und so ist es auch leicht zu erklären, dass eine der wenigen Kopien des Films sich im tschechischen Filmarchiv befindet.

Belege für Aufführungen in Deutschland haben wir noch nicht gefunden – aber das kann auch am beklagenswert schlechten Stand der Digitalisierung der Filmzeitschriften im reichen Deutschland liegen.

Was aber sind die „Z-Strahlen“? Darüber gibt die Kritik eines deutschen Films namens „Der schwarze Stern“ Auskunft, dessen Regisseur vollkommen vergessen ist, und dessen Hauptdarsteller Hans von Mierendorff wohl auch nur noch wenigen Filmwissenschaftlerinnen und Filmwissenschaftlern bekannt sein dürfte. In der Zeitschrift „Der Filmbote“ (Wien), Nr. 50 vom 16. Dezember 1922 findet sich der entscheidende Hinweis:

Der schwarze Stern,

ein Abenteurerfilm mit Hans v. Mierendorff als Mac Allister, dem Erfinder der Z-Strahlen, die die Kraft haben, alle Entfernungen zu überbrücken und Geschehnisse aus weitester Ferne vor das Auge und Ohr zu rücken.“ Das genügt uns, um zu ahnen, wer in „I Raggi Z“ Gebrauch von den Z-Strahlen machen könnte: die sehr eifersüchtige Gattin des Feinkostladenbesitzers.

Die weitere Beschreibung des Inhalts des Abenteurerfilms ist so abenteuerlich, dass ich sie hier in den Beitrag „Aus der Rumpelkammer der Filmgeschichte“ aufnehmen werde.

 

Links der Besitzer des Feinkostladens, rechts Gigetta Morano, und in der Mitte die eifersüchtige Gattin des Herrn, vermutlich mit Hilfe der Z-Strahlen life zugeschaltet (!).

 

 

Wie schon das obere Foto ist auch dieses direkt aus der analogen Kopie; es ist deutlich zu erkennen, dass es sich um eine Kolorierung des Trägermaterials handelt. Beide Fotos stammen von der Website des Museo Nationale del Cinema, Turin.

 

Josef Jünger

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